Neu&Anderssprech: Chancengleichheit

Willkommen zu einer neuen Kategorie in meinem Blog! Als Fan der Sprache weiß ich natürlich auch, wie sehr man eine Aussage durch die richtige Wortwahl (oder den Zusammenhang) verändern kann. Ich werde hier also Beispiele für unterschiedliche Wortverwendungen sammeln, auf dass der geneigte Leser nicht so leicht auf Worthülsen und andere verbale Geschosse hereinfällt (Hmm… zählen Ohrenschützer auch als Schutzwaffen? http://neusprech.org/schutzwaffe/ ).
Zugegeben können die Einträge subjektiv sein, aber es sind ja auch meine Gedanken 😉

Zur Eröffnung noch eine kleine Bemerkung: Es ist wieder einmal deutlich geworden, wie wenig den demokratischen Freiheitskämpfer, den Armuts-Rebellen und den randalierenden Rowdy unterscheidet. Hauptsächlich nämlich, ob er in Teheran, Kairo, Jerusalem oder eben doch in London lebt (zugegeben: Rowdy ist ein englisches Wort).
Einen weiteren Unterschied gibt es aber noch: Wenn der Iran das Internet ganz oder teilweise abschalten will, lobt China ihn nicht, redet der britische Premierminister darüber, dann schon. Da sieht man, wer wirtschaftlich wichtiger ist.

heute Thema bei Neu&Anderssprech: Chancengleichheit

Chancengleichheit ist ein schönes Wort. Verbindet es doch den kapitalistischen Begriff der Chance (Gelegenheit, Aussicht, Glücksfall) mit dem sozialistischen Begriff der Gleichheit (Gleichberechtigung, Gleichstellung, Ebenbürtigkeit). Außerdem schwingt bei Gleichheit neben Homogenität (böse, weil sozialistisch) immer noch Einklang und Harmonie mit.

Nur ist es mit Harmonie bei Chancengleichheit nicht weit her. Je unharmonischer, desto öfter kommt die Forderung nach Chancengleichheit. Was darunter verstanden wird, unterscheidet sich dabei stark vom jeweiligen Benutzer. Meistens heißt Chancengleichheit „Ich möchte Nachteile, die ich im Vergleich zu dir habe, wegzaubern, und am besten dir gegenüber noch Vorteile haben.“

Sehen wir uns ein paar praktische Beispiele von C. an:

Chancengleichheit kann zum Beispiel bedeuten, dass bei einer politischen Partei auf der Wahlliste immer zuerst eine Frau steht und die gesamte Liste nicht mehr Männer als Frauen haben darf. Sie kann auch bedeuten, dass Männer gefälligst den Mund halten müssen, wenn Frauen nicht mehr über ein Thema reden wollen. So ist das z.B. bei den GRÜNEN so.

Bei der CSU hat man manchmal eher den Eindruck, Chancengleichheit für Frauen heißt, sie darf zuhören während ihr Mann eine Rede hält. In Unternehmensführungen ist das übrigens oft ziemlich ähnlich. Deshalb die Forderungen nach einer Frauenquote, dazu später mehr.

Bei der FDP hingegen heißt Chancengleichheit, dass jeder das Recht hat, sich seinen Beruf auszusuchen (außer er ist arbeitslos), jeder das Recht hat, möglichst wenig Steuern zu zahlen (außer er ist Geringverdiener [relative Steuerlast]) und generell das Recht hat, seine Meinung zu sagen (außer er gehört einer der beiden anderen Gruppen an, dann soll er gefälligst arbeiten, schließlich bekommt er sonst nicht genug Geld von seinem Hungerlohn zusammen). Insbesondere hat jeder das Recht, ein erfolgreiches Unternehmen zu führen, solange die Gewinne bei der Person und die Verluste möglichst bei der Gesellschaft bleiben (siehe „Staatsschuldenkrise“, in der Staaten Schulden anhäufen um Unternehmen zu retten. Nein, nein, das ist keine Bankenkrise! Die Staaten sind verschuldet!)

Bei den PIRATEN scheint Chancengleichheit manchmal zu sein, dass jeder das unveräußerliche und unkündbare Recht hat, möglichst lange zu reden und auf seinem Standpunkt zu verharren und möglichst viel zu nerven. Piraten lieben den Konjunktiv und diskutieren gerne. Eine Diskussion ist aber per Definition keine Homogenität oder Harmonie oder auch nur Ebenbürtigkeit. Wirklich: Eine Diskussion mit vollkommen ebenbürtigen Gegnern ist vollkommen sinnlos, da am Ende immer ein Unentschieden rauskommen muss.

Gleichberechtigung und Gleichstellung

Zwei Synonyme für Chancengleichheit, aber was für ein Unterschied! Wer gleichberechtigt ist hat eine 50% Chance. Wer gleichgestellt ist hat eine deutlich andere Chance, zu der dann noch ein Einfluss kommt, mit dem Ziel, die Chance auf 50% zu verändern.
Dazu gibt es zwei Wege: negative Diskriminierung und positive Diskriminierung.
Negative Diskriminierung ist, wenn jemand behindert wird. Positive Diskriminierung ist, wenn jemand bevorzugt wird. Die spannende Frage ist: Kann man die beiden überhaupt trennen?

Wenn eine Frau aufgrund der Quote bevorzugt wird, dann wird ein Mann benachteiligt. Gerecht wäre es, wenn die Quotenbevorteilung genauso groß wäre wie die Umgebungsbenachteiligung. Nicht schwer vorstellbar, dass dies nicht möglich ist, außer durch Zufall. Man kann sich diesem Zustand höchstens annähern. Von daher ist eine Quote problematisch.
advocatus diaboli: Welche Nachteile hat es für einen Mann, wenn eine Frau, die aufgrund des Ausgleichsdruck der Quote niedriger ist, statt ihm die Stelle bekommt? Er bekommt die Stelle nicht. Möglich: Armut, Resignation, Trunkenheit, Frauenfeindlichkeit, Frauenmord. Zugegeben extrem, aber denkbar. Aber auch kleine Änderungen können sich aufsummieren. In Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman “Going Postal” (ich lese immer die englischen) wird der Hauptperson des Romans eine beängstigende Rechnung gemacht. Moist von Lipwig, ein Betrüger und Schwindler, aber keine kriminelle Seele, hat nie jemanden getötet. Auch nicht schwer verletzt. Aber durch seine Taten hat sich das Leben vieler vieler Menschen verschlechtert, so dass er am Ende durch seine Taten 3,4 Menschen umgebracht hat.
Eine solche Rechnung könnte man auch für eine Frauenquote anstellen. Einmal für die Männer und einmal für die Frauen. Dann könnte man die Vorteile für die Frauen den Nachteilen für die Männer entgegenstellen.
Doch in welchem Verhältnis müssten Vor- und Nachteile stehen? Mindestens 1:1? Das reicht wohl kaum aus. Unser Strafsystem z.B. geht davon aus, dass es besser ist, das ein oder andere Verbrechen ungestraft zu lassen als einen Unschuldigen zu verurteilen. Dies basiert auf der Überlegung, dass ein Unrecht nicht durch ein anderes gesühnt oder gerechtfertigt werden kann.
Überträgt man das auf die Quote, dann müsste sie sehr deutlich mehr positive als negative Wirkungen haben (theoretisch keine negativen Wirkungen, aber Perfektionismus in einer Gesellschaft gibt es nicht). Dies hat sie in meinen Augen nicht. Vielleicht früher, als es vielen Männern undenkbar erschien, dass ihre Frau arbeiten geht oder Auto fährt. Aber nicht mehr.

Übrigens: Kennt jemand ein Beispiel für eine Männerquote? Die einzige, die mal kurz diskutiert wurde, war die in Kindergärten. Von der habe ich aber schon eine Weile nichts mehr gehört.

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