Länderdomino

Dieser Blogeintrag ist eher eine Übersicht als etwas tiefgründiges.

Als Länderdomino bezeichnet Fefe ( http://blog.fefe.de/ ) die sich reihenden demokratischen Aufstände ausgehend von der arabischen Welt. Fast jeden Tag hat er ein Update, wo wieder was passiert.

Gegenwärtig wäre da zum Beispiel Syrien. Wieder einmal starben 27 Zivilisten durch Aktionen der syrischen Armee. Die syrischen Machthaber scheren sich dabei keinen Deut um die Meinung anderer Länder. Selbst direkte Nachbarn haben ein Ende der Gewalt gefordert. Wie lange wird die Gewalt wohl noch andauern? Derweil haben „Anonymus“ auf der syrischen Regierungswebseite die Botschaft „Alle Tyrannen werden fallen“ hinterlassen.

Nicht weit davon entfernt ist Netanjahu gezwungen, mit den „Aufständischen“ in Israel zu reden. Vor zwei, drei Wochen noch als – wie üblich – Krawallmacher und Ähnliches bezeichnet, protestierten an diesem Wochenende ganze 300.000 Israelis. Sie forderten eine kostenlose Schulbildung und eine Erhöhung des Mindestlohnes. Außerdem forderten sie die Regierung auf, leerstehende Wohnungen zu besteuern und erschwingliche Mietwohnungen zu bauen (das würde ich als „sozialen Wohnungsbau“ interpretieren). Ebenfalls auf der Agenda standen steigende Lebenshaltungskosten und die Gesundheitspolitik. Die Chancen stehen aber schlecht, denn wie auch in anderen Ländern lautet das Schlagwort der Regierung momentan sparen.

Die Ägypter, ganz früh dabei und vorbei mit ihren Aufständen, haben inzwischen ein Problem, das alle Rebellen in der Geschichte hatten: Es ist schwer, ein altes Regime zu stürzen. Aber es ist noch viel schwerer, etwas Neues aufzubauen.

Wie auch bei den vielen anderen Protesten geht es hauptsächlich um a) Politik aka Demokratie und b) Wirtschaft aka Lebensumstände. Ersteres ist eine Sache, die das jeweilige Land für sich schaffen und erhalten muss. Letzteres ist in der heutigen Welt von der ganzen Welt abhängig. Allein die Verstrickungen würden mehrere Bücher füllen. Auffällig ist aber, dass – trotz der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929, die auch noch nicht vorbei ist wie man gerade an den Börsenkursen sieht – die Reichsten immer reicher werden und die Armen ärmer. Das war schon immer so, aber der Unterschied zu früher ist: Die Reichen werden immer schneller reich, und die Armen werden nicht lediglich deutlich langsamer reich (relativer Verlust), sondern verlieren sogar absolut gesehen! Und das sogar und insbesondere in unserem reichen Deutschland. Während der ganze Kirschkuchen wächst, wird nicht nur das Stückchen kleiner, sondern auch noch die Kirschen in diesem Stückchen werden auf den restlichen Kuchen verteilt!

Vielleicht kommt ja daher die „Anregung“ des CSU-Generalsekretärs, die Linkspartei verbieten zu lassen? Schließlich könnten z.B. die Israelis ja glatt aus deren Prinzipien abgeschrieben haben. Nicht auszudenken, wenn hier auch ein größerer Teil der Bevölkerung auf die Straßen gehen und verlangen würden, dass was gegen die soziale Ungerechtgkeit getan wird! Aber zum Glück sind die Deutschen ja faul. Oder resigniert. Oder eingeschüchtert.

In anderen Länder ist das etwas anders. Da gibts dann schon mal „gewalttätig Ausschreitungen“. So wie gerade in London. Anlass war die Erschießung eines 29-jährigen Familienvaters durch die Polizei. Eigentliche Ursache ist aber auch hier Armut und Arbeitslosigkeit. Dazu die Übersetzung einer Aussage: (englisch Original: http://worldblog.msnbc.msn.com/_news/2011/08/07/7292281-the-sad-truth-behind-london-riot )
Ein Fersehreporter fragt: „Ist dieser Aufstand der korrekte Weg, deine Unzufriedenheit auszudrücken?“
„Ja“, sagte der junge Mann. „Sie würden nicht mit mir reden, wenn wir nicht randalieren würden, oder?“
Der Reporter vom britischen Fersehsender ITV hatte keine Antwort. Also nutzte der junge Mann seinen Vorteil. „Vor zwei Monaten sind wir zu Scotland Yard marschiert. Mehr als 2000 von uns, alles schwarze, und es war friedlich und ruhig und wissen Sie was? Nicht ein Wort in der Presse. In der letzten Nacht ein wenig Randale und Plünderungen und sehen Sie sich um.“
Ein Dutzend Reporter in der Nähe.

Mittlerweile brannte ein ganzer Straßenzug und heute Nacht sollen 16.000 Polizisten eingesetzt werden, denn mittlerweile kommen „professionelle“ Randalierer aus ganz England. Es erinnert mich frappierend an die Ereignisse vor ein paar Jahren in den Pariser Vororten.

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Noch etwas zur Ungleichverteilung des Reichtums:
Ungeheuer gern (von „den Reichen“) vertreten wird die These, dass das Geld ausschließlich der Verdienst für harte Arbeit ist. Nun sei einmal dahingestellt, wie ein Manager oder ein Fußballer in einem Jahr mehr harte Arbeit leisten kann als ein Bauarbeiter in seinem ganzen Leben – es gibt auch andere Erklärungen.
Da wäre zum Beispiel der Zufall. Ich rede hier nicht vom Lottogewinn, sondern von einfachen zufälligen Ereignissen. In einer umfangreichen Studie haben Wissenschaftler mal untersucht was passiert, wenn X Leute ihr Geld unterschiedlich anlegen. Unterschiedlich heißt dabei nur, dass es unterschiedliche Ergebnisse gab. Mal positive, mal negative. Also ein reines Auswürfeln. Das Ergebnis: Die zufälligen Fluktuationen reichen aus, um etwas wie „Reichtumskerne“ zu bilden. Irgendwann haben viele Xe wenig Geld und wenige Xe viel Geld. Am meisten Auswirkungen hatte dabei – logisch – wie das Abschneiden früh im Spiel war. Wer bei seinem ersten Einsatz gleich viel Gewinn macht, hat in der Zukunft einen besseren Stand, selbst nach Verlusten ist er besser dran als der Verlierer der ersten Runde.
Jetzt stelle man sich die Gesellschaft vor: Ererbter Reichtum und ererbte Armut.
Die logische Konsequenz, wenn man jedem halbwegs gleiche Chancen geben möchte, müsste dann eigentlich eine große (regelmäßige) Umverteilung von oben nach unten sein. Dann könnte sich wirklich zeigen, wer gut ist und wer schlecht. (Der ehemalige US-Präsident Bush Junior gehört zum Beispiel der zweiten Kategorie an, was ihm aber dank väterlicher Verbindungen und Vermögen nicht sonderlich beeinträchtigt hat).
Doch solange „Chancengleichheit“ im FDP-Sinn interpretiert wird (Nach dem Motto: Das Gesetz des Marktes macht alle gleich, es erlaubt jedem, seine Millionen frei anzulegen, auch den Hartz-4-Empfängern), wird es wohl so weiter gehen: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Dieses Muster kennt der Historker nur zu genau. Ihm könnte dazu beispielsweise der Begriff „spätrömische Dekadenz“ einfallen, als man das Volk mit Brot und Spielen bei Laune gehalten hat.
Ach ja. Ein Argument gegen Umverteilung ist immer, dass Arbeit auch belohnt werden müsse. Es würde ja keiner mehr arbeiten, wenn er geldlich nichts davon hätte! Das kommt meistens von den Leuten, die sagen, dass Arbeit haben wichtiger ist, als Geld zu haben („Das Gefühl, gebraucht zu werden.“), und erklärt nicht, wieso so viele Leute ehrenamtlich und gemeinnützig tätig sind.

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