Piraten respektieren das Urheberrecht nicht – oder?

Piraten (im Sinne von „die Mitglieder der Piratenpartei“) achten das Urherrrecht nicht, so hört man öfters. Stimmt das?
Ich denke nein. Ich würde sogar behaupten: ganz im Gegenteil.
Wie komme ich zu dieser Behauptung?
Nun, da wäre zum Beispiel die Affäre Guttenberg. Gerade unter den Piraten war die Empörung besonders groß, und das sicherlich nicht, weil er aus einer „feindlichen“ Partei kam. Guttenberg (wie so einige andere) hat die Arbeit von anderen für seine eigene ausgegeben. Das hat die Piraten richtig sauer gemacht.
Wieso werden sie nicht sauer, wenn es zum Beispiel um Musik-Filesharing geht?

Um das zu verstehen möchte ich auf zwei Dinge eingehen. Zum einen die „piratische“ Mentalität, zum anderen auf Beispiele und Studien zum Filesharing.
Doch zuerst muss etwas anderes klargestellt werden: Was ist Urheberrecht?
Sehr sehr viele Leute sprechen vom Urheberrecht, wissen aber nicht, was sich dahinter verbirgt.
Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen der angloamerikanischen „Copyright“-Tradition und dem kontinentaleuropäischen „Urheber“recht.
Letzteres gliedert sich – und dieser Punkt ist der, der den Allerwenigsten bewusst ist – in zwei Dinge. Erstens in die eigentlichen Urheberrechte und zweitens in die Verwertungsrechte. Copyright kennt diese Trennung nicht. Dort verkauft man die Rechte an einem Text und hat danach keinerlei Einfluss mehr darauf.
So ähnlich ist es auch mit den Verwertungsrechten in Deutschland. Diese kann man verkaufen. Die Urheberrechte behält der Autor aber.
Diese beinhalten beispielsweise, dass ich verbieten kann, dass mein Text, auch wenn ich die Verwertungsrechte daran verkauft habe, in beledigendem Zusammenhang benutzt wird.
Diese Urheberrechte sind unverkäuflich und die möchte der Pirat auch nicht antasten.

Was die Piraten ändern möchten sind einige Teile der Verwertungsrechte. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass zwar die Urheberrechte als ein sogenanntes natürliches Recht angesehen werden können (unveräußerliche Rechte, die dem Menschsein selbst zuzurechnen sind), und somit ein „Menschenrecht“ sind, dies aber keinesfalls auf die Verwertungsrechte zutrifft.
Diese sind sogenanntes positives Recht, sie wurden vom Menschen geschaffen. Und zwar mit einem Ziel.
Dieses Ziel ist nicht, dem Urheber ein monetäres Einkommen zu bereiten. Das ist „nur“ Mittel zum Zweck, wenn auch ein sehr angenehmer Nebeneffekt. Thomas Jefferson, immerhin ein bekannter Erfinder und Chef des ersten US-Patentamtes, fasste dies in Bezug auf die ähnlich gelagerten Patente so zusammen:
Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich kann die Gesellschaft irgendwelche Regeln setzen, die einem Erfinder exclusive Rechte verleihen. Aber es handelt sich nicht um ein natürliches Recht, es geht alleine um den Nutzen für die Gesellschaft.
Um den Nutzen für die Gesellschaft: Darum geht es, und darum müssen Patente auch hinterlegt werden, damit sie nach Ablauf der Schutzfrist für alle frei verfügbar sind.

Hier kommt die Piratenpartei ins Spiel – neben vielen anderen Akteuren wie den Freunden von freien Lizenzen oder Creative Commons.
Denn während die Verwertungsrechte in der Vergangenheit mit dem Ziel ausgerichtet waren, eine Balance zwischen der Zeit des Monopols und dem öffentlichen Zugang zu schaffen, ist dies heutzutage völlig aus dem Ruder gelaufen.
Wenn ein Autor ein (belletristisches) Buch schreibt und daran z.B. 20 Jahre verdienen kann, ist diese Zeit im Normalfall lange genug, um 95% aller möglichen Einahmen für den Autor zu generieren. Zudem ist es berechtigt zu fragen, ob der Autor nach dieser Zeit noch ein moralisches Recht für ein weiteres Monopol hat, insbesondere bei Werken, die über die Unterhaltung hinaus einen Nutzen haben.
Die Ansicht von Jefferson (oder einem seiner Kollegen, da bin ich mir gerade nicht sicher) war, dass die Zeitdauer des gewährten Monopols eine Generation dauern sollte. Da jede Dauer mehr oder weniger willkürlich ist, ist diese in meinen Augen sehr gerechtfertigt. Der Erschaffer kann solange profitieren, bis die folgende Generation ihn – eventuell aufbauend auf seinem Schaffen – ernähren kann. Allerdings ändert sich die Definition von Generation natürlich auch.
Zur damaligen Zeit hieß das 19,4 Jahre. So lange dauerte es wohl im Schnitt, dass eine Frau 2 Kinder bekam. Heute müsste man diese Zahl wohl eher verdoppeln.

Wie dem auch sei: Wir Piraten denken, dass dieser Zweck – der Gesellschaft zum Vorteil – immer noch Grund und Ziel der Existenz der Verwertungsrechte ist, auch wenn das vielen nicht bewusst ist. Die meisten haben nur das eindeutige, aber unbestimmte Gefühl, dass da etwas aus der Balance geraten ist.
Darum sind Piraten Freunde der Urheber, aber nicht der Verwerter. Denn meistens sind diejenigen, die am meisten Geld verdienen, die Verwerter.
Historisch gesehen waren sie notwendig, um eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen. Der Aufwand für diese Aufgabe ist aber immer mehr gesunken. Dies betrifft in den letzten Jahren ganz besonders digitale Güter wie zum Beispiel Musik. Daher halten es Piraten für unmoralisch, dass die Verwerter immer noch den allergrößten Teil der Einnahmen für sich einbehalten, statt die gesunkenen Kosten an die Urheber und Käufer weiterzureichen.

Statt dessen wird ein enormer Aufwand in die Verfolgung von Tauschbörsenbenutzern gesteckt. Es wird Einfluss genommen auf den Gesetzgeber mit der Folge, dass die grundlegenden Rechte eines jeden Bürgers eingeschränkt werden – einzig und allein zum Zwecke der Erhaltung des Geschäftsmodells der gegenwärtigen Verwertungsfirmen. (Und der vielgepriesene Kapitalismus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es *keine* Erfolgsgarantie für ein bestimmtes Geschäftsmodell gibt.)
Denn darüber darf man sich keine Illusionen machen: Es geht diesen Konzernen nicht um die Künstler. Das ging es noch nie. Die Musikindustrie entstand aus der Verdrängung von Musikern, das Verdrängen von Livemusik aus den Häusern und der Ersatz durch das Grammophon. Musiker leifen gegen den Tonfilm Sturm, weil die Töne aus der Konserve ohne Leben waren und ihre Existenzen vernichtete. Autos verdrängten die Pferdekutschen. Und so weiter und so fort.
Das ist die gesellschaftliche Entwicklung durch technischen Fortschritt. Sie lässt sich nicht aufhalten. Zumindest ist das bisher noch nie jemandem gelungen, so sehr es auch von den Inhabern des jeweiligen Geschäftsmodells versucht wurde. Theater haben Stummfilmkinos verdammt. Stumfilmkinos haben Tonfilme verdammt. Tonfilmkinos haben das Fernsehen verdammt und dieses die Videokassette. Eine Fernsehsendung aufzunehmen war mal kurz davor illegal zu sein. (Und droht es bald zu werden dank Verschlüsselung etc.)
Was aber alle diese Umwälzungen gemeinsam haben ist: Am Ende haben auf die ein oder andere Weise mehr Menschen davon profitiert als geschadet wurden. Auch von Tauschbörsen.
Nur einmal stellvertretend für viele Studien, die das selbe Ergebnis hatten, sei hier mal der letzte mir bekannte Artikel in diese Richtung angegeben: http://www.heise.de/tp/blogs/6/150152 Wie auch in den anderen Fällen kommt hier zum Vorschein: Wer viel herunterlädt, beschäftigt sich allgemein viel mehr mit diesem Thema und gibt entsprechend auch mehr Geld dafür aus. Warum also werden diese Downloader bekämpft? Das ist eine gute Frage, und eine Möglichkeit ist, dass Downloader eher dazu neigen, direkt bei den Urheber zu kaufen (falls möglich). Oder, wie schon so oft: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Wie auch immer, die Frage, die sich Urheber derzeit stellen ist wohl eher: Wie kann ich profitieren? Leider gibt es dazu, wie bei jedem Geschäftsmodell, keine eindeutige Antwort. Und falls es sie gäbe und ich sie hätte, wäre ich jetzt ziemlich damit beschäftigt, viel Geld zu machen 😉
Aber ich denke, eine Regel ist immer anwendbar. Macht es Euren Fans oder auch nur Nutzern so einfach wie möglich, euch Geld zukommen zu lassen! Je einfacher, desto besser. Viele Möglichkeiten und beliebige Summen.
Wenn ein Urheber sich aufregt, dass so viele Leute seine Werke kopieren ohne zu zahlen, dann müssen sie sich – von allem andern abgesehen – die Frage gefallen lassen: Wie einfach ist das bezahlen?
Das „Humble Bundle“ ( http://www.humblebundle.com/ ) hat es vorgemacht: Die Leute bezahlen so viel wie sie möchten und an wen der Beteiligten sie möchten. Alles für die Urheber? Alles für die Organisatoren? Alles für eine karitative Organisation? Einmal zahlen oder zehnmal? Die drei Aktionen haben insgesamt 3 Mio US-Dollar eingebracht (Update: inzwischen mehr als 4 Mio, wird wohl bei etwa 4,5 insgesamt landen). Die Leute mit dem Betriebssystem Linux haben im Schnitt 2,5 Mal so viel bezahlt wie die mit dem Betriebssystem Windows.
Das ist ein sehr interessanter Fakt, kommt doch hier wieder Mentalität ins Spiel. Die Psychologie hat lange nachgewiesen, dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis ist, nicht bei anderen „im Minus“ zu stehen. Wer etwas „umsonst“ bekommt, und ihm gefällt dieses etwas, möchte demjenigen, der es erschaffen hat, etwas zukommen lassen. Das ist, soweit feststellbar, kein Ergebnis von Moralsystemen, sondern tatsächlich ein in unsere Gene eingebautes System. Gegenseitige Fürsorge war ein Überlebensvorteil in der Geschichte der Menschheit. Mangels persönlichem Kontakt wird diese Dankbarkeit in Geld vergolten. Oder mit anderen Worten: What comes around, goes around. Oder: Wer gibt, dem wird gegeben werden.

Beispiele, wie man durch „verschenken“ mehr hat als vorher, gibt es zuhauf. Cory Doctorow bietet alle seine Geschichten zum download auf seiner Webseite an. Seitdem verdient er vielmehr als zuvor. Fans übersetzen seine Bücher in andere Sprachen. Das Ergebnis? Leute, die sonst nie von ihm gehört hätten, bestellen seine Bücher vor.
Ich bin kein besonders großer Fan von seinen Werken. Aber ich habe ein Buch von ihm. Das habe ich gekauft nachdem ich das .pdf zwei Mal gelesen hatte. Ohne das pdf hätte ich keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendet, es lag auch fast 2 Monate unangetastet auf meiner Festplatte herum. Ähnlich ist es bei 90% der CDs und DVDs die ich besitze (Bei Serien/gleicher Künstler zählt die jeweils Erste Scheibe. Logischerweise würde ich CD 5 nicht kaufen, wenn ich CD 1 nicht kennengelernt hätte). Bei lediglich ~10% habe ich nicht vorher im Internet oder im Fernsehen den Inhalt gesehen. Bei den verbleibenden 10% hatte ich Empfehlungen (Immer noch das beste Marketing überhaupt).
Das Problem ist nicht kopiert zu werden, das Problem ist, bekannt zu werden.

Piraten haben nichts gegen Urheber. Wir stellen nur ein paar simple Forderungen:
– Keine Einschränkungen von grundlegenden Bürgerrechten, um ein altes Geschäftsmodell zu stützen
– Rückkehr zu einer angemessen Verwertungsdauer
– mehr Freiheit und Entscheidungen für den Urheber

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