Was ein Flüchtling sagen könnte, wenn man ihn mal lassen würde

Die in diesem beitrag auftauchenden Personen sind frei erfunden, und jede Ähnlichkeit mit existiernden Personen, Geschehnissen oder Handlungen sind rein zufällig und in der menschlichen Natur begründet.

„Aber das können sie nicht tun!“, rief der ältere Mann aufgebracht.
„Doch das können wir, denn wir wurden angegriffen. Es ist unser Recht, uns zu wehren, und genau das soll dieses Votum ausdrücken!“
Die beiden Kontrahenten sahen sich über die hilflos wirkende Moderatorin hinweg grießgrämig an. Eigentlich hatte diese Sendung über die Bewältigung der Flüchtlingsströme sein sollen, die sich in den letzten Wochen immer mehr verstärkt hatten. Doch der Überfall einiger Asylsuchender auf eine Botschaft hatte die Diskussion in eine der üblichen gegenseitigen Beschimpfungen ausarten lassen, wie sie in solchen Fällen häufig auftraten.
Während ein Teil der Bevölkerung und der öffentlich auftretenden Politiker eine harte Bestrafung der Täter forderte, und ein Votum über einen Asylaufnahmestopp in die Diskussion einbrachte, vertrat die andere Seite nur noch vehementer ihre Forderung nach einer besseren Unterstützung der Menschen vor Ort. Dann würden diese sich auch nicht genötigt sehen, Geschäfte zu plündern und Botschaften zu überfallen. Denn wer nur die Wahl hat zwischen kriminellem Handeln oder Verhungern oder in einem Bürgerkrieg erschossen zu werden, der hat eben gerade nicht eine wirkliche Wahl.
Und so wogte der Streit auch in dieser Talkshow hin und her, ohne irgendetwas zu verändern. Doch dann geschah etwas, das eher selten passiert. Die Flüchtlinge selber kamen zu Wort. Oder zumindest einer von ihnen, der auf der Schule Deutsch gelernt hatte und nun seine Erfahrungen schilderte.
„Der Bürgerkrieg begann, als ich 14 Jahre alt war. Der erste, der aus meiner Familie starb, war mein großer Bruder. Er hatte nichts getan. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort und war anstelle des eigentlichen Zieles angegriffen und erschossen wurden. Die nächsten, die starben, waren meine Großeltern. Eine Granate zerfetzte sie und unser Haus. Danach begann meine Familie die Flucht. Wir haben acht Länder durchquert, sind dabei mehr als 1000 km zu Fuß gegangen und noch einmal so weit versteckt in einem Container transportiert worden. Wir wären in diesem Container beinahe verdurstet. Meine kleine Schwester musste, als wir entdeckt wurden, ins Krankenhaus. Es begann ein monatelanges hin und her zwischen den verschiedenen Lagern, von einem Amt zum nächsten und Kilometer von Formularen in einer Sprache, die in unserer Familie nur einer ein wenig sprechen konnte. Doch am Ende durften wir bleiben. Darüber sind wir sehr froh. Meine Eltern haben Arbeit gefunden und können ihre Kinder ernähren.

Einige von den Zuschauern sind generell dagegen, dass Menschen aus anderen Ländern in dieses hier einwandern können. Diese möchte ich daran erinnern, dass unsere Vorfahren alle irgendwann einmal in das gegenwärtige Land eingewandert sind. Das ist normal in der Menschheitsgeschichte, und es gab nicht wenige Zeiten, in denen eine Region froh über jeden Einzelnen war, der hinzu zog.
Andere in diesem Land glauben, dass solche Familien wie die meine das Recht haben hierher zu kommen, weil sie vor Gewalt geflohen sind, weil sie angegriffen worden sind. Andere dagegen, die nur vor Armut fliehen, sollten wegbleiben. Diese Zuschauer frage ich, was der Unterschied ist zwischen jemandem, der von einer Stadt in die andere zieht um dort Arbeit zu finden und jemandem, der von einer Stadt in die andere zieht um dort Arbeit zu finden und sich zufälliger Weise zwischen diesen Städten eine Linie auf einer Landkarte befindet. Und ich frage diese Zuschauer auch, ab wann es ein Angriff ist, der diese Menschen dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen.
Wenn Sie in Ihrem Industrieland die Landwirtschaft mit viel Geld subventionieren, damit diese Güter für so wenig Geld exportieren kann, dass in den Entwicklungsländern die Bauern vor Ort unmöglich für denselben Preis produzieren können, dann halte ich das durchaus für einen Angriff. Es ist kein Angriff mit Gewehren, mit Bomben und Soldaten. Es ist ein Angriff mit Geld, Verträgen und den angeblichen Gesetzen des Marktes. Aber das eine wie das andere ist ein Angriff, der die gleichen Auswirkungen hat: die Lebensgrundlage der Menschen wird vernichtet.
Was also unterscheidet den Bauern, dessen Feld vom Krieg in Brand gesteckt wurde, von dem Bauern, dessen Feld von einem internationalen Konzern in Brand gesteckt wurde, damit dieser Konzern es in Besitz nehmen kann. Für Sie mag das einen Unterschied machen, für mich nicht.
Denken Sie bitte darüber nach, wenn Sie das nächste Mal jemand um ihre Meinung fragt über Menschen, die schweren Herzens ihre Heimat verlassen um in einer unbekannten Fremde ein besseres Leben zu finden.“

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