Beitrag 29 – Hoffnung von unten

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 29 – Hoffnung von unten

Juni bis Oktober 2006. Oaxa de Juárez, 600.000 Einwohner. Keine Polizei. Der Gouverneur ist im Untergrund. Die Volksversammlung der Völker Oaxacas (APPO) hat alle öffentlichen Gebäude unter Kontrolle. Erst am 25. November 2006 konnten die mexikanische Bundespolizei, die Armee und die Marine den Aufstand gegen den tyrannischen Gouverneur gewaltsam niederschlagen.

Doch die Niederschlagung beendete nicht das gesellschaftliche Experiment, das die 3,9 Millionen meist indigenen Einwohner des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca begonnen hatten. Es setzt sich in anderer Form an vielen Stellen fort, dabei meist auf Dauer und auf das gemeinschaftliche Zusammenleben, in dem das Hauptgewicht auf die gemeinschaftlichen Verpflichtungen, nicht auf den individuellen Rechten liegt. Wichtige Entscheidungen werden in der Gemeindeversammlung getroffen, in der alle Familien einen Konsens herstellen. Nachbarschaftshilfe ist selbstverständlich. Gerechtigkeit wird durch die Weisheit der Gemeinschaft geleitet, damit nach einer Straftat Trost und Entschädigung für das Opfer herausspringt und nicht unbedingt die Bestrafung des Täters.

Der dafür geprägte Begriff lautet „comunalidad“. Kern der „comunalidad“ sind 1. das gemeinsame Territorium, auf dem 2) Autorität eine rein organisatorische Funktion erfüllt, die mit 3) gemeinschaftliche Arbeit und 4) Festen beginnt und die Realität durch 5) eine vernakuläre Sprache erzeugt (vernakulär: Aktivitäten von Menschen um alltäglichen Bedürfnisse zu befriedigen, die nicht durch den Kaufgedanken motiviert sind).

Ehrenamtliche Gemeinschaftsdienste (cargos) und unbezahlte Gemeinschaftsarbeiten, die von Versammlungen festgelegt werden (tequios), decken in indigenen Gemeinden über die Hälfte der öffentlichen Arbeiten ab.
Dazu kommt die „guelaguetza“, ein komplexes System des Gebens und Nehmens auf materieller, symbolischer und emotionaler Ebene, das zugleich ein normativer Rahmen für die wechselseitige Abhängigkeit der Menschen ist.

Während der Versuch der „Kommune Oaxacas“ 2006 niedergeschlagen wurde, ist dieser Geist der Gemeinschaftlichkeit in jüngster Zeit zu einer neuen politischen Dimensionen gekommen. Offen widersetzen sich die Menschen so genannten Entwicklungsprojekten und rücken ihre Vorstellung eines guten Lebens (Buen Vivier) in die Öffentlichkeit.

Ein Gegenmodell zur neoliberalen Globalisierung entstand 1994 mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Auf einer Viertel Million Hektar Land verteidigen die Zapatisten trotz offensiver Bekämpfung mit teils militärischen Mitteln durch die Regierung ihre mögliche Form des Lebens in einer postkapitalistischen Welt.
Traditionelle Praktiken und traditionelles Wissen werden mit modernen Werkzeugen und Verfahren kombiniert. Autorität wird zeitlich befristet durch die „Räte der guten Regierung“ ausgeübt. Land ist keine Ware, sondern eine Verantwortung. Die „Regierenden“, normale Männer und Frauen, sind an klare Mandate und Verantwortlichkeiten gebunden und führen den Mehrheitswillen aus.
Die radikale Demokratie der Zapatisten schafft Macht nicht ab, sie gibt den Menschen die Macht und damit Freiheit. Sie sind frei zu reden, zu entscheiden und zu handeln.
Allein durch ihre Existenz stellen sie die Überzeugung infrage, dass Menschen sich nicht selbst regieren können und immer jemanden brauchen, der sie regiert. Sie organisieren eine Gesellschaft von unten, während das restliche Mexiko von der Mafia regelrecht zerlegt wird. Sie besitzen eine Würde, gerade auch in der täglichen Arbeit, die für sie ein freies und lebendiges Tatigsein sein soll, frei von den Entfremdung in des Kapitalismus.

In der Gemeinschaft der Zapatisten steht das Lernen im Zentrum ihres politischen Projekts. Beständig wenden Sie das Prinzip „Fragend schreiten wir voran“ an. Das Eigentum wird immer wieder neu überprüft, jenseits von Ideologien und Parteistrukturen. Zum Teil wird der Veränderungsprozess selbst, der Weg, zum Ziel, wenn die Menschen selbst über ihr Schicksal bestimmen.

Es ist Zeit, die Ära des Homo oeconomicus hinter uns zu lassen. Die Wirtschaftsform auf der Prämisse der Knappheit hat uns einen ruinierten Planeten hinterlassen. Der Nationalstaat und die formelle Demokratie wird aufgegeben, eine neue Gesellschaft entsteht von den Graswurzeln aus, mit einem neuen politischen Horizont.
Es gibt keinen Begriff die Vielfalt der gesellschaftlichen Kämpfe in Lateinamerika. Es geht auch nicht um privat, öffentlich oder etwas dazwischen. Es geht um die Art und Weise, wie Dinge getan werden, über sie gesprochen wird und wie sie gelebt werden.

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