Beitrag 28 – Krise, Kapital und Vereinnahmung – braucht das Kapital die Commons?

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 28 – Krise, Kapital und Vereinnahmung – braucht das Kapital die Commons?

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist sozial destabilisierend und erfordert aus Sicht des Kapitals eine Neuordnung der Machtverhältnisse und neue Formen der Regierungsführung, damit Wachstum und Akkumulation wieder möglich werden. Es ist bereits in der Vergangenheit mehrmals passiert. Das Kapital arrangierte sich mit einigen Gruppen und lagerte die Kosten auf andere Teile des Globus aus.

Doch neue Teile des Globus gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Nachschub für weiteres Wachstum. Das Kapital ist dabei, sowohl die soziale Sphäre, aus der sich die nötigen Arbeitskräfte speisen, als auch die Ökosysteme zu zerstören. Der systemische Wachstumszwang lässt keine Alternative offen. Das Kapital braucht Wege, um den entstehenden Widerstand in den Griff zu kriegen.

Das Kapital braucht die Commons, um aus dieser Sackgasse herauszukommen. Wenn es nicht genug Commons gibt, wird das Kapital irgendwie dafür sorgen müssen, dass sie entstehen.
Doch die Commons könnten auch genau das Gegenteil bewirken. Es könnten alternative Formen der Vermittlung sozialer Produktionsprozesse entstehen, die vom Kapital unabhängig sind. Auch die Forderungen nach mehr Demokratie in den letzten Jahrzehnten sind Forderungen, mehr demokratische Kontrolle über notwendige Dinge zu gewinnen. Mithilfe der Commons können die jeweiligen Verantwortlichkeiten und die entsprechenden sozialen Beziehungen und Produktionsweisen verhandelt werden. Das ist es, was Peter Linebaugh „Commoning“ nennt.

Es gibt also eine Sackgasse für das Kapital und eine für die sozialen Bewegungen. Das Kapital braucht Commons und die Commons müssen sich gegen die Einhegungen durch das Kapital wehren und ernstzunehmende Alternativen entwickeln. Hier werden Potenziale der Commons als soziale Kraft über die zukünftig gültigen Werte entscheiden.

Commons gibt es in allen sozialen Räumen, die nicht vom Kapital bestimmt sind, selbst innerhalb kapitalistischer Organisationen. Zur Konfrontation kommt es, wenn diese beiden unterschiedlichen Formen der Bewertung menschlicher Tätigkeit an strukturelle Grenzen stoßen, ist also kein Raum zur Entwicklung gibt ohne sich ins Gehege zu kommen. Commons sind dabei keine Garantie, sondern nur ein Möglichkeitsraum im Kampf gegen das Kapital.
In diesem Kampf können dem Kapital bessere Arbeits- und Lebensbedingungen abgetrotzt werden, doch erhöht dies den Druck, die entstehenden Kosten auszulagern.

Die Beziehung zwischen Kapital und Commons ist ambivalent. Nur weil die Dorfgemeinschaften Südafrikas die Subsistenzarbeit (meist durch Frauen) erledigen, können die Männer Lohnarbeit liegen, ohne dass sich die Arbeitgeber an irgendeiner Form von sozialer Absicherung beteiligen müssen. Ist die Subsistenzleistung der Commons zu gering, gibt es weniger freie Arbeitskraft, ist sie zu hoch, wollen weniger Arbeiter die Dörfer verlassen. Andersherum nimmt ein niedriger Lohn den Menschen die Zeit die Ressourcen, sich am Commoning zu beteiligen.

Wahrscheinlich wird das Kapital versuchen, die Commons als Lösung für soziale Probleme einzusetzen. Gleichzeitig wird es sie weiter, zum Beispiel durch landgrabbing, einhegen.
In Großbritannien wurden die öffentlichen Ausgaben massiv gekürzt. Die Antwort auf die sozialen Unruhen soll die „Big Society“ sein. Die Zivilgesellschaft soll nun die öffentlichen Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig werden so genannte „nachhaltige Communitys“ geplant, die sich ständig an die erbarmungslose Dynamik der Weltwirtschaft anpassen sollen.
Doch diese „Communitys“ sind ein Widerspruch in sich. Sie sind entworfen, um untereinander zu konkurrieren. Wie sollen ein Problem lösen, dass es ohne sie in dieser Form gar nicht gäbe. Der Prozess von Konkurrenz und Zwietracht scheint für das Kapital der Schlüssel zum Überleben. das Commoning wird zu etwas, einem Zweck außerhalb der Commons selbst dient.

Commons sind Keimzellen, in denen durch soziale Kooperation „Macht zu…“ entsteht. Aber wir sollten die Commons nicht romantisieren. Sie können sowohl repressiv als auch emanzipatorisch sein. Sie können sich auch auf Identitäten Gründen und eine klare Grenze ziehen, die die Zusammenarbeit mit den Nachbarn unmöglich macht. Doch wir brauchen mehr sozial produktive Commons, um den Forderungen des Kapitals zu widerstehen.

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