(Rezension): Hans-Olaf Henkel – Die Macht der Freiheit, Erinnerungen

Der Untertitel „Erinnerungen“ zeigt schon, dass es sich bei diesem Buch (2001) um eine Autobiografie handelt. Allerdings ist in dem Buch, anders als der Titel vermuten lässt, nicht sehr oft von Freiheit die Reden – wenn man mal die neoliberale Freiheit der Wirtschaft abzieht.

Die Biografie beginnt, wie es bei solchen Büchern üblich ist, mit den ersten Kindheitserinnerungen. Erinnerungen an Vater und Mutter und das elterliche Haus in Hamburg, das im Krieg zerbombt und ausgebrannt ist.
Nachdem der Vater gegen Kriegsende verschollen ist, übernimmt seine mit anscheinend vielen Schrullen beschäftigte Frau die Führung der Familienfirma. Der kleine Hans-Olaf wird in eine Schule nach der anderen gesteckt, in der er mal mehr, mal weniger Freiheit genießt.
Wahrscheinlich hat er, wie oft bei intelligenten und selbstbewussten Menschen, Probleme, sich an die Konformität der Schulen anzupassen.
Die Lehrlingsstelle besorgt ihm die Mutter, und dort kommt der spätere Europa-Chef der IBM zum ersten Mal mit eben dieser Firma in Kontakt, als Buchstabenkombination auf dem Papier. Die IBM (Internationale Büromaschinen GmbH) exportiert „machinas de escribier“ in die ganze Welt.
Sein Studium auf einer Arbeiter-nahen „Akademie für Gemeinwirtschaft“ erreicht er durch Hartnäckigkeit entgegen den dort eigentlich gültigen Regeln – er ist noch zu jung. Die Bundeswehr hat er übrigens „geschwänzt“, auch wenn er ihr Befürworter ist.

Auch seine erste Anstellung, eher zufällig bei der IBM, erhält er nicht regelkonform. Für das Management-Trainee-Programm ist er wieder zu jung. Das Auswahlgremium besteht aus drei Leuten, einer davon tonangebend – und diesem schmiert der zu junge Henkel Honig um den Bart, offenbar mit Erfolg.

Kurioses am Rande: Ein frühes Mitglied der Beatles hatte eine Freundin, in die Hans-Olaf verliebt war. Diese Beatles-Freundin überzeugte die „Pilzköpfe“, sich eben diese Frisur zuzulegen – und als Demonstrationsobjekt musste Hans-Olaf Henkel herhalten, der diesem Experiment aufgrund seiner Gefühle sofort zustimmte.
Der erste echte „Beatles“ war also kein Bandmitglied. Und begann seine IBM-Karriere in dem selben Jahr, in dem die Pilzköpfe ihren Siegeszug von Hamburg aus antraten.

Den großen Teil des weiteren Buches ist seiner Karriere bei IBM gewidmet. Hans-Olaf Henkel betont dabei immer die Atmosphäre in dieser Firma – und zunehmend die schlechten deutschen Standortbedingungen.
Dies wird auch sein Lieblingslied als Chef des BDI. Henkel betont die Objektivität des BDI und regt sich oft über die ideologischen Starrköpfe überall auf. Man bekommt das Gefühl, vernünftig ist für ihn nur, wer seiner Meinung ist – und die erscheint mir wiederum ziemlich ideologisch zu sein. So reitet er gerne auf dem Wettbewerb zwischen den Gesellschaften herum und beklagt die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, eines Landes, das damals schon als „Exportweltmeister“ viel zu wettbewerbsfähig war für ein Außenhandelsgleichgewicht.
Die Anekdoten um Bundeskanzler, -Minister und -Präsidenten sind teilweise recht amüsant, hinterlassen aber ein bitteres Gefühl. Das Gefühl der Verbitterung, das Henkel hatte im Umgang mit diesen Menschen, die mehr auf Wahlen als auf seine Vorschläge achteten? Schröder hingegen mag er. Ein Hoffnungsträger innerhalb der SPD.

Vom damaligen 630-Mark-Gesetz hält er aber gar nichts, da die Bürokratie dazu führt, dass eine Anwältin nötig ist, um beim Einstellen einer Putzfrau nicht gegen das Gesetz zu verstoßen. Ob er irgendwann mal überlegt hat, einfach 631 Euro zu zahlen, ist nicht erwähnt.

Ein ausgesprochenes Faible hat Henkel dagegen für Zigarren. So war sein Besuch in der Partagas-Zigarrenfabrik denn auch der Höhepunkt einer Kubareise im Mai 1999. Ich zitiere aus dem Buch:

Im Saal, wo die Tabakblätter gedreht wurden, musste ich mit einer gewissen Enttäuschung feststellen, dass hier nicht nur Partagas entstanden, sondern auch alle möglichen anderen Fabrikate. In einem späteren Gespräch mit dem Wirtschaftsminister habe ich deshalb angemerkt, dass derlei in einer Wettbewerbsgesellschaft nicht möglich sei. Das wäre etwa so, erklärte ich, als würde BMW bei mangelnder Auslastung die Produktion der C-Klasse von Mercedes übernehmen. Und als ich es sagte, schien es mir gar keine so schlechte Idee mehr.

Hier taucht wieder Henkels Lieblingswort von der Wettbewerbsgesellschaft auf. Erleuchtender Weise auch eines der grundlegenden Probleme genau dieser Wettbewerbsgesellschaft: Ineffizienz bei der Ressourcennutzung.
Leider scheint der Eindruck, dass es „gar keine so schlechte Idee“ ist, wenn man mit- statt gegeneinander arbeitet, schnell und wirkungslos verpufft zu sein.

Die letzten Seiten gelten den Problemen Kubas und dem „Commandante“ Fidel Castro. Und der Vermutung, dass Castros Tage schon 1980 gezählt gewesen wären, hätte die USA ihr Embargo aufgegeben.

Hans-Olaf Henkel – Die Macht der Freiheit, Erinnerungen auf Amazon

Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.