SZ: Verfall des Urheberrechts? Gutenberg und Buddenbrooks

Bei der Süddeutschen gibt es einen Artikel, der sich „Verfall des Urheberrechts“ nennt und auf böse Lehrer einprügelt, die der Sekretärin von Thomas Mann (1955 verstorben) nicht mal ihr Sterbegeld gönnen, weil bereits mehr als 2222 Menschen eine digitale Version der Buddenbrooks angesehen haben. Oder so ungefähr.

Jetzt mal beiseite gelegt, dass meines Wissens nach kein Urherrechtsgesetz der Welt sagt, dass ein Autor von seinen Bücher leben können muss; hier mein Kommentar, der bei der SZ vielleicht irgendwann mal freigeschaltet wird:

Verfall des Urheberrechts?

Sehen wir uns mal die Fakten an: Das Urheberrecht existiert in 2 Traditionen: Das Copyright, das an einen Zweck gebunden ist: Um Wissenschaft und nützliche Künste zu fördern, wie es die US-Verfassung ausdrückt.
Nach dieser Zweckbindung ist jedes Copyright auf einen Mann inzwischen widersinnig: Kein Mann wird neue Bücher schreiben, egal wie oft man die Copyright-Dauer noch verlängert (es gab übrigens gute Gründe, sie so kurz zu machen, wie sie mal war).

Die zweite Tradition ist die kontinentaleuropäische: Aus der Liebe eines Autors zu seinem Werk leiten sich diverse Rechte ab – unter anderem das Recht auf Verkauf.
Nun wird auch hier ein Mann keine weiteren Bücher schreiben, wenn der Verlag sie noch länger verkauft (egal, ob seine Enkel was davon haben). Auch er selbst profitiert nicht mehr davon.
Auch hier macht also ein weiteres Verlegermonopol keinen Sinn.

Zudem: kein Verlag rechnet mit 50 Jahren oder noch länger beim Kauf von Buchrechten. Weil sich so lange kaum ein Buch verkauft.
In den USA hat man das untersucht, indem die bei Amazon erhältlichen Bücher nach Dekaden sortiert wurden. Nach 10 Jahren waren – logisch – die meisten Bücher erhältlich. Nach 20 Jahren war die Zahl schon um 1/3 gesunken, noch länger und es war kaum noch ein Buch erhältlich – bis Copyright 1923. Ab da stieg die Zahl wieder stark an – denn diese Bücher sind gemeinfrei. Die Zahl der Dekade 1920-1920 lag zwischen der 10-Jahres und der 20-Jahres Periode.
Anders ausgedrückt: Im Schnitt nach 14 Jahren (zufällig(?) die Dauer, die das Copyright einst galt), sind mehr Bücher erhältlich, wenn sie in die Gemeinfreiheit fallen, als wenn ein Verlag das Monopolrecht weiterhin hat.
3/4 der Bücher im Copyright sind gar nicht mehr (legal) zu erwerben, weil sie nicht mehr vertrieben werden – drucken darf sie trotzdem keiner, weil die Rechte nicht erwerbbar sind – meist, weil niemand weiß, wer sie hat.
Bei Filmen sieht es noch schlechter aus. Es gibt auf der ganzen Welt keine einzige Filmrolle, die nach den heutigen Gesetzen frei verwendbar wäre – sie verrotten einfach bis nichts mehr übrig ist.

Archivierung? Restauration? Dringend nötig, aber illegal.

Fazit: Das heutige Urheberrecht (genauer: Die Verwertungsmonopole) sind der größte Kulturvernichter der Welt! Schlimmer als die Nazi-Bücherverbrennungen oder die chinesische Kulturrevolution.

—-

Irights.info hat auch einen Artikel und eine (aus Gründen eher weniger) hübsche und übersichtliche Grafik zu diesem Problem

Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu SZ: Verfall des Urheberrechts? Gutenberg und Buddenbrooks

  1. Gruno Bert Hamm sagt:

    Wenn niemand mehr weiß, wer das Urheberrecht inne hat, dann kann man einfach drucken und falls man verklagt werden sollte, dann gibt man einfach den Gewinn heraus. Das wäre doch ein probates Mittel, wenn man rein aus Liebe zum Wissen handelt? Ansonsten sind deine Ausführungen zur Historie, wie ein Blick in jedes Urheberrechts-Lehrbuch verrät, bereits in den Grundzügen falsch. Du zeichnest ein völlig falsches Bild.

    • LennStar sagt:

      Ja, das habe ich von dir schon mehrmals gehört. Ich glaube lieber den 4 Rechtsprofs (1 US, 1 Kanada, 2 Deutsche), von deren Werken/Vorlesungen ich dies habe.

      „und falls man verklagt werden sollte, dann gibt man einfach den Gewinn heraus“ – Ja, sicher. Lol. Gewerbsmäßig war bis 5 Jahre Knast, oder? Mit den Strafmaßen kenne ich mich in der Tat nicht richtig aus.

  2. Gruno Bert Hamm sagt:

    Nachtrag: Und auch die Behauptung eine Restauration wäre nicht erlaubt, ist vollkommen falsch. Das berührt nämlich nicht den Inhalt (das geistige Eigentum), sondern das Eigentumsrecht an der Sache, was dir beispielsweise erlaubt deine rechtmäßig erworbene Filmrolle so zu bearbeiten, wie du das möchtest. Problematisch wird es erst, wenn du den Inhalt der restaurierten Filmrolle dann anderen zugänglich machst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.