Beitrag 24 – Was ist rückständig: Subsistenzwirtschaft oder moderne Entwicklung?

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 24 – Was ist rückständig: Subsistenzwirtschaft oder moderne Entwicklung?

Wenn man auf die grundlegenden Werte der vielen Bewegungen (in Indien) zugreifen könnte, könnte man große Übereinstimmungen bei den Werten erkennen. Das reicht von den linksgerichteten bewaffneten Aufständen maoistischer Prägung bis hin zu den Kampagnen der Adivasi, der Bauern, der Arbeiter und der Dalit. Nicht wenige von ihnen haben ihre Wurzeln in der größtenteils gewaltlosen nationalistischen Unabhängigkeitsbewegung, die von Mahatma Gandhi inspiriert war.

Die Aktivität der sozialen Bewegungen ist auch ein Zeichen demokratischen Geistes in Indien. Besonders auffällig wurde dieser bei der Mobilisierung der Menschen gegen den Bau großer Staudämme. Die ältesten bekannten Dämme sind etwa 8000 Jahre alt. Die größten und meisten sind allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden. So genannte Mega-Staudämme gab es 1950 gerade einmal zehn. 1995 gab es schon 305 von ihnen. Oftmals bedeutet ein Staudamm nicht nur eine Umweltzerstörung, sondern auch die Umsiedlung vieler Menschen. Dennoch war die erste erfolgreiche Kampagne gegen einen Staudamm in Indien vom Umweltschutz motiviert.

Seit der Gründung Indiens gibt es zwei Visionen des Wiederaufbaus: Gandhis Projekt der Wiederbelebung dörflicher Ökonomien und der Plan des ersten indischen Premierministers Nero, Wohlstand durch rapide Industrialisierung zu schaffen. Schon vor der indischen Unabhängigkeit warnte Gandhi, dass ein Indien, das eine westliche wirtschaftliche Ausbeutung betreibt, die Erde wie ein Heuschreckenschwarm leer fegen würde.
Doch trotzdem bleiben die Fragen, wo der Strom herkommen soll und woher die Nahrungsmittel, wenn nicht von künstlicher Bewässerung.

Zu sagen, wer in Indien arm ist, ist schwer. Man gerät aber kaum in die Gefahr der Übertreibung, wenn man von der Hälfte der Bevölkerung, also 600 Millionen Menschen, ausgeht. Mit Ausnahme der Slumbewohner sind diese auf irgendeine gemeinschaftliche Ressource angewiesen. Die vielen Industrialisierungs- und Infrastrukturprogramme haben aber meist nicht den Armen geholfen, die von ihrem Land vertrieben wurden, sondern vielmehr den ohnehin eher Wohlhabenden.

Menschen, die an Flüssen leben, sind sich seit jeher der wichtigen Rolle bewusst, die Flüsse in ihrem Leben spielen. Zahllose religiöse Bräuche und Rituale zeugen davon. Der Glaube kann die Menschen auch an einen bestimmten Ort binden. Jede versuchte Umsiedlung wird dann zwangsläufig mit Gewalt beantwortet werden.

Wenn neue Staudämme geplant werden, geht es aber meist nur um die wirtschaftliche Entwicklung. Bräuche, Glauben und die Natur spielen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig wird diese „Entwicklung“ die Menschen von der Modernisierung entfremden.

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Ich möchte Gandhi noch etwas hinzufügen: Nicht nur ein Indien, das „westlich“ lebt, würde die Erde kahl fressen. Auch ein China. Oder Afrika. Oder Nordamerika und Europa. Wir sind gerade auf dem besten Weg, nicht nur den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen, sondern gleich den ganzen Baum.
Schon jetzt werden fast doppelt so viele Naturressourcen verbraucht, wie die Erde regenerieren kann.
Ohne Abkehr vom Wachstumswahn und damit einhergehend eine Neudefinition von Arbeit und Einkommen, wie im Piraten-Programm geschehen, wird die Erde bald tatsächlich kahl gefressen sein.

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