Beitrag 17 – Commons – von Grund auf eingehegt

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 17 – Commons – von Grund auf eingehegt

Einhegung oder Einfriedung (engl. eclosure) ist ein präziser Begriff. Er veranschaulicht Unfreiheit in all ihren Spielarten, egal ob physisch durch Zäune oder gesellschaftlich durch soziale Normen. Die historische Unterdrückung der Frauen, der Sklavenhandel oder diverse Völkermorde und Hungersnöte sind damit verbunden.
Das wohl bekannteste Sinnbild der Freiheit, der Cowboy, konnte über Hunderte von Meilen reiten ohne dabei einem Zaun zu begegnen. Auch Geld bedeutete ihm nicht viel. Eine ähnliche Bedeutung für die Fleischversorgung wie der Cowboy hatten englische Viehhändler, doch Ihr Symbol der Unabhängigkeit war der Commoner, der Freibauer, der ebenfalls das Fehlen von Zäunen als Unabhängigkeit definierte.

Die Einhegung der Allmende ist auch in der Moderne wieder aktuell geworden. Am bekanntesten ist wohl der Aufstand der Zapatisten in Chiapas 1994. Sie wandten sich gegen die Aufhebung des Artikels 27 der mexikanischen Verfassung, der jedem Dorf ein Allmendeland zusprach.
Das Internet als auftauchende Wissensallmende, die Verschmutzung der Gewässer und der Atmosphäre sowie der Zerfall der kommunistischen Staaten erleichtern es, wieder über die Commons zu reden.
Die bekannteste Einhegung ist die des englischen Landes. In zwei Wellen vor und nach dem 17. Jahrhundert wurden große Flächen Land angeeignet. Noch Ende des 17. Jahrhunderts war etwa ein Viertel der Gesamtfläche von England und Wales in Gemeinbesitz. Die Aneignung trug zur Armutskrise des späten 18. Jahrhunderts bei und führte zum Verlust vieler Dörfer. 1874 waren noch gerade mal zweieinhalb Millionen Morgen Gemeindeland übrig von vorher 47 Millionen Morgen im Jahr 1688.
„Die Tragik der Allmende“ von Garret Hardin sagt den Zusammenbruch der Allmende voraus. Doch Hardins rationaler Viehhirte ist ein eigennütziger, einsamer Viehhirte. Dieser hat offensichtlich noch nie etwas vom Markmeister oder dem Feldhüter und einem der anderen Ämter gehört, die von den Commoners gewählt wurden und ein solches Verhalten bestraft hätten. Auch die diversen Regeln des dörflichen Zusammenlebens wurden von ihm ignoriert. Seine Argumentation basiert nicht wenig auf den Ansichten der Malthusianer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Doch während Hardin seine Tragik der Allmende verfasste, waren Geschichtswissenschaftler in Oxford bereits unwissentlich dabei, ihn gründlich zu widerlegen. Sie untersuchten unter anderem die Geschichte von Otmoor, einem Dorf im Moor mit wechselvoller Geschichte. Unter anderen schrieben sie über die Nutzungsrechte der Allmende folgende vier Rechte: die Nutzung der Viehweiden; das Recht, Feuerholz zusammen; das Recht, Schweine im Herbst zur Eichel- und Buchäckernmast zu treiben; und das Recht, Torf zu stechen. Dazu kamen viele weitere Gewohnheitsrechte, die so gestaltet waren, dass sie einer Übernutzung vorbeugten, Komplexität anerkannten sowie Einfallsreichtum und Wirtschaftlichkeit belohnten. Das System hatte sich mehr als sieben Jahrhunderte bewährt, es stammt noch aus der Zeit vor der normannische Eroberung von 1066.
Der Anfang vom Ende des Systems begann 1801, als der Herzog von Marlborough vorschlug, über 4000 Morgen Land zu entwässern, auszumessen und einzufrieden. Es folgte einer von einer ganzen Reihe von Aufständen der Commoner, die nicht einmal die Kavallerie niederschlagen konnte. Erst drei Jahrzehnte später gelang es Geistlichen der Church of England, 1700 Menschen das Land wegzunehmen und es an 78 weiterzuverteilen, meistens Geistliche.

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Auch heute finden solche Dinge noch statt. Weniger in den Industrienationen, die kein Allmendeland mehr haben, aber dafür in den Entwicklungsländern. Land wird in großem Stil von internationalen Konzernen „aufgekauft“, oftmals gegen den Willen der dort lebenden Menschen. Statt 100 Menschen zu ernähren, erhalten dann zehn – wenn sie Glück haben – einen Arbeitsplatz auf den neuen Farmen. Gleiches geschieht mit Bodenschätzen, egal ob Öl oder Gold. Menschen werden vertrieben, die Umwelt vergiftet und das Land nutzlos gemacht.

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