Beitrag 16 – Ein Gespräch um Fülle

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 16 – Ein Gespräch um Fülle

Dieser Beitrag ist der zweite Teil eines Gespräches über die Produktionsmöglichkeiten der Commons. Ich werde die Aussagen der Teilnehmer ohne Referenz auf die Quelle zusammenfassen.

Was bedeutet „Fülle in den Commons“?
Zum einen ist da die Fülle an Wissen und Information, dann der Überfluss in biologischen Systemen und dann die materiellen Fülle eines geschlossenen Produktionskreislaufes.
Die Informationsfülle ist wie eine immervolle Wasserflasche, die niemals leer wird. Die biologische Fülle steckt in der Vielfalt der Arten, der DNA und ihrer Reproduktion. Die organisierte Fülle entsteht in der Fabrik, sobald eine gewisse Ordnung vorhanden ist.
Die ganze Natur ist Open Source und produziert Unmengen an Leben – sofern der Mensch sie nicht zerstört. Aber auch sie ist nicht grenzenlos. Gleiches gilt für alles, das wir herstellen. Wir brauchen immer Energie und Rohstoffe dafür. Auch digitales Wissen verbreitet sich nur dank stromverbrauchenden Computern, die auch erst einmal hergestellt werden müssen. Auch die Informationsfülle kann nicht die Grenzen des Wachstums aufheben. Aber immerhin: Dank des Internets könnten wir jedem das Fischen beibringen.
Um aber auch eine Fülle an materiellen Dingen zu erhalten ist eine Produktion in geschlossenen Kreisläufen unausweichlich. Das wäre organisierte Fülle, doch der Weg dorthin ist noch weit. Übrigens ist auch das Wäschetrocknen auf der Leine die Nutzung einer erneuerbaren Energie. Doch wie erneuerbare Energie speichern? Durch Biomasse wird es schwer werden. Die Pflanzen speichern einfach zu wenig der ankommenden Sonnenenergie.
Wir haben nur eine „bedingte Fülle“. Und je mehr wir die materielle Produktion falsch konzipieren und Abfall produzieren, desto mehr Knappheit wird es geben. Jede Aktivität muss so geplant werden, dass sie die Ausgangssituation für weitere Aktivitäten verbessert und dadurch Fülle schafft. Dazu brauchen wir die Wissensallmende.
Diese muss mit der materiellen Herstellung kombiniert werden. Es kann auch ganz einfach so geplant werden, dass die Abwärme eines Servers genutzt wird, um Räume zu heizen. Das ist ein Nutzen, der sich ausschließlich aus dem Design ergibt.
Die bisherige Wirtschaft verlangt geradezu Konsum aus altruistischen Gründen. Mehr Konsum um mehr Arbeitsplätze zu schaffen! Weniger Konsum ist „schlecht für die Wirtschaft“. Reichlich vorhandene Ressourcen haben keinen Wert, weil man sie nicht mit hohem Gewinn verkaufen kann. Daher werden Ressourcen künstlich verknappt. Nur der Tauschwert zählt, nicht der Gebrauchswert. Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem maximiert ineffizienten Konsum, indem es Nachfrage erschafft, die wir als Legitimation brauchen, um immer mehr Ressourcen zu verbrauchen, und somit Abfall zu produzieren. Daher ist gesteigerte Effizienz nicht die Lösung. Für das existierende Wirtschaftssystem ist das eher ein Problem. Es muss ja jetzt schon Unzufriedenheit über das, was man hat, in den Menschen schüren. Das führt auch dazu, dass Menschen auf der Basis extrinsischer Motivation handeln, wegen des Geldes oder des Status, nicht weil die Tätigkeit an sich einen Wert hat.
Um unabhängig – auch vom Öl – zu werden, müssen wir Bedürfnisse befriedigen statt neue zu wecken. Wir müssen Fülle schaffen statt Knappheit. Wir müssen das Wirtschaftssystem so gestalten, dass es Wohlergehen fördert – verstanden als „ein Zustand, der es allen Menschen jetzt und in Zukunft ermöglicht, sich zu entfalten“. Dazu gehört, dass sich Menschen keine Sorgen um ihre materiellen Grundbedürfnisse machen müssen.
Trotz der Rede von Fülle sollten wir aber nicht vergessen, dass Knappheiten ganz real sind, genauso real wie der Tod und das Artensterben. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Das Reden von Fülle könnte die Bedrohung durch Klimawandel und Peak Oil emotional verdrängen. Im Zyklus von Verleugnung, Verhandlung, Depression und Akzeptanz müssen wir zur Akzeptanz kommen, denn nur so ist konstruktives Handeln möglich.
Zu dieser Akzeptanz gehört auch die Tatsache, dass wir in den Industrieländern objektiv zu mehr Dingen Zugang haben als wir brauchen. Das schafft ein Gefühl von Sicherheit und Spielraum für Kreativität und menschlichen Beziehungen, während uns die jetzige Wirtschaft ein Gefühl von Mangel einnimmt. Wir müssen die eigenen Selbstheilungskräfte mobilisieren.

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Ich bin schon lange der Meinung, dass der „Konsumwahn“ ein grundlegender, struktureller Fehler ist, der behoben werden muss, wenn wir ein wirklich nachhaltiges (ein oft missbrauchtes Wort) Laben ermöglichen wollen.
Fülle – das was man braucht, wenn man es braucht – statt Konsum und „Cradle to Cradle“-Produktion statt künstlicher Knappheit?
Bruttoinlandsglück statt Bruttosozialprodukt? Denkt darüber nach, was ihr wirklich wollt und braucht.
Wie sollte eine „piratige“ Wirtschaft aussehen?

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