Beitrag 10 – Gemeingüter sind nicht, sie werden gemacht

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 10 – Gemeingüter sind nicht, sie werden gemacht

Laut neoklassischer Wirtschaftswissenschaft gibt es vier Gruppen von Gütern: private Güter, öffentliche Güter, Klubgüter und Gemeingüter bzw. Allmendegüter. Doch die Realität ist komplizierter. Wasser gilt als Allmendegut, doch wenn ich ein Glas Wasser trinke, kann kein anderer das gleiche Wasser trinken. Diese Eigenschaft heißt Rivalität. Diese kommt allerdings selten in Reinform vor. Die Nutzung durch eine Person schränkt die Nutzung durch andere selten ganz oder gar nicht ein, sondern mehr oder minder. Daher stammt auch der Begriff von Elinor Ostrom „subtractability“ – durch Nutzung wird Gütern Nutzungsmöglichkeit abgezogen.
Gegenteilig verhält es sich mit Wissen und Information. Beides vermehrt sich durch Nutzung. Das wird als Nicht-Rivalität bezeichnet.
Zur Rivalität, oder Teilbarkeit, kommt noch die „Exklusivität“ (Ausschließbarkeit). Allmendegüter werden meist als nicht ausschließbare, rivale Güter gesehen. So haben alle Anspruch auf sauberes Trinkwasser. Zumindest in der Moral. Technisch gesehen kann man Menschen sehr einfach von der Trinkwasserversorgung ausschließen. So erscheint es fast natürlich, das Wasser zu hohen Preisen in diversen Behältern verkauft wird – Preisen, die sich nicht jeder leisten kann. 3 Milliarden Menschen haben kein sauberes Trinkwasser! Allmendegüter sind also nicht unbedingt nicht-ausschließbar.

1954 schrieb Paul A. Samuelson einen Zweieinhalbseiter, indem er die Güter in zwei Kategorien teilte: private, rivale Güter sowie öffentliche, nichtrivale Güter. Obwohl der Autor selbst darauf hinweist, dass sich viele Lebensbereiche dieser Nutzenmaximierungslogik des Homo oeconomicus entziehen, klebt diese Vereinfachung wie Kleister an der Vorstellung der Ökonomen von einem öffentlichen Gut.
Da nach dieser Vorstellung öffentliche, also nicht-rivale Güter nicht vom Markt bereitgestellt werden können, muss sich das Gemeinwesen darum kümmern. Aus diesem Grund werden heute auch Musik oder Informationen künstlich verknappt, denn nur so kann man ihnen einen Preis geben.

Elf Jahre später erscheint die Ökonomische Theorie der Klubgüter. Man solle die Differenzierung der Güter in voll teilbare und voll unteilbare fallen lassen, schreibt James McGill Buchanan. Klubgüter werden von einer Gruppe von Nutzern genutzt und der Nutzen hänge somit von der Anzahl der Beteiligten ab. Er benutzt das Beispiel eines Golfclubs: je mehr Mitglieder, desto geringer der Mitgliedsbeitrag. Doch ab einer bestimmten Größe wird der Club überfüllt. Doch auch er ist sich der Vereinfachung in seinem Modell bewusst. Er kommt zu dem Schluss: eine Klassifikation aller Güter ist nur möglich, nachdem man die Lösung gefunden hat. Doch diese Erkenntnis ist in den Lehrbüchern bisher nicht zu finden.

Typische Beispiele für ein öffentliches Gut sind der Deich oder die Luft. Ein Ausschluss ist technisch schwierig, zu teuer oder nicht durchsetzbar. Doch kein Fall muss auf Dauer unabänderlich bleiben. Die Technik kann sich verbessern, Methoden billiger werden oder Normen sich wandeln.
Daraus folgt: ein Gemeingut besitzt nicht die Eigenschaft der nicht-Exklusivität, es erhält sie.
Markant umgesetzt ist das bei den Simsons: der AKW-Besitzer Burns umschließt die Stadt mit einer großen Glocke und macht so das Sonnenlicht ausschließbar.

In der Commons-Diskussion werden viele Dinge als einer Gruppe von Menschen gemeinsam zugehörig betrachtet. Doch zum Gemeineigentum werden sie dadurch, dass wir sie kollektiv erzeugt haben und dass wir entscheiden, sie als Gemeingut zu belassen oder zu einem zu machen. Bei rivalen Gütern bedarf es irgendeiner Art der Zugangsbegrenzung, bei nichtrivalen Gütern garantiert nur freier Zugang deren größtmögliche Entfaltung. Ob wir einen Apfel zu Gemeingut machen oder der Zugang zu den Äpfeln immer über den Markt geschehen muss, liegt ganz bei uns. Erst nach dieser Entscheidung kann man sagen, ob die Äpfel ein Gemeingut, ein Clubgut oder ein Privatgut sind. Verschwenden wir daher keine Zeit, die Güter eines Commons klassifizieren zu wollen. Pflegen wir sie einfach.

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Wer ein Gut nutzen kann, ist meist das Resultat einer sozialen Entscheidung. Dies kann man gut an unserem Nahverkehr erkennen. Geben wir den Autos Vorrang oder den Fahrrädern? Dem individuellen Verkehr in der eigenen Blechkiste oder dem ÖPNV? Wie teuer machen wir den ÖPNV? Wer bezahlt ihn auf welche Weise?
Denkbar wäre es zum Beispiel, die Straßen hauptsächlich dem ÖPNV und den Fahrrädern zu geben. Es gäbe überall Fahrradspuren und Busse und Straßenbahnen wären kostenlos zu benutzen. Bezahlt würde dies über eine Abgabe von allen Menschen in diesem Gebiet und/oder eine Automaut. Auf diese Weise würde gesunde und umweltfreundliche Fortbewegung gefördert und gleichzeitig lauter und Dreck verursachender, Ressourcen verschlingender Autoverkehr stark reduziert.

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