Beitrag 6 – Ubuntu-Philosophie

Dies ist eine Beitragsserie über das Buch „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“, das in 90 Beiträgen verschiedene Aspekte der „Commons“ beleuchtet. Jeder Beitrag wird kurz von mir zusammengefasst. Falls passend, werde ich eine „Moral“ oder ein „Fazit“ ziehen und Gedanken und Fragen zur Diskussion stellen.
Alle Beiträge zu diesem Buch sind mit dem tag „Commons-PMS“ gekennzeichnet und mit diesem erreichbar. Sie stehen unter der Lizenz CC-by-sa. Das Buch kann man auch unter dem Punkt „Open Access“ beim Verlag herunterladen.

Beitrag 6 – Ubuntu-Philosophie

Gemeingüter sind vielfältig, dennoch haben die Commoners gemeinsame Grundüberzeugungen. Das liegt daran, dass das Commoning eine soziale Praxis ist.
Vorhergehende Generationen haben das geschaffen, was die Grundlage für unsere heutigen Möglichkeiten ist. Wie dieser Grundlage geschaffen wurde hat sich im Lauf der Zeiten verändert. Besonders markant ist der Übergang zum Kapitalismus und seinen Märkten. Märkten wird alles Mögliche zugeschrieben. Sie entscheiden – und wenn sie nervös sind auch gern mal das falsche. Sie können Vertrauen verlieren und Staaten bestrafen. Die Bestraften reagieren dann vielleicht mit neuen Regeln doch meistens sollen sie den freien Markt einfach nur ermöglichen. Man könnte meinen, Märkte seien Menschen – oder Götter, und die Wirtschaftsanalysten ihre Priester, die das göttliche Handeln interpretieren.
Doch trotz allem sind Märkte keine Commons und Commons keine Märkte. Oder wie es Paul Polanyi ausgedrückt hatte: „anstatt einer Einbettung der Ökonomie in soziale Verhältnisse, sind die sozialen Verhältnisse in das ökonomische System eingebettet.“

Der Unterschied zwischen Märkten und Commons ist das Menschenbild. Auf der einen Seite steht das nutzenmaximierende Individuum, das nur an sich selbst denkt. Nur auf dem Markt, beim Austausch, wird es sozial. Es erschafft seine Individualität durch Konsum und Konsum ist auch das Medium, in dem Geselligkeit stattfindet. Doch eine Konsum-Geselligkeit ist keine Gemeinschaftlichkeit. Daher bleibt das Gefühl des Vereinzeltseins mit dem einzigen Ausweg des Konsums. Konsum schafft mehr Konsum, was wunderbar zum kapitalistischen Zwang des „immer mehr produzieren“ passt. Selbst die Kooperation auf den Märkten oder im Inneren des Unternehmens geschieht im Konkurrenzkampf mit Dritten.

Commons hingegen basieren auf Kooperation. Man schließt sich zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Dabei ist die Kooperation sowohl Mittel als auch Ziel in einem. In den sozialen Praktiken des Commoning erzeugt Kooperation: Kooperation und Nützliches. In einem Commons in Konkurrenz zu treten macht keinen Sinn, ganz im Gegenteil. Wenn Konkurrenz einzieht, kommt es zur „Tragik der Allmende“, zumindest bei rivalen Ressourcen. Bei nichtrivalen Ressourcen hingegen gibt es keine Konkurrenten. Es gibt höchstens Leute, die das gleiche machen. Freie Software ist hier ein gutes Beispiel.

Das gerade geschilderte ist allerdings eine Sicht nach innen, in einem oder zwischen Commons-Projekten. Für einen kommerziellen Marktteilnehmer kann ein Commons-Projekt durchaus ein Konkurrent seit, siehe Brockhaus und Wikipedia. Wikipedia hat dabei Brockhaus auskooperiert. Die Wikipedia ist nicht nur aktueller und frei zugreifbar, sondern verbindet auch die Rollen von Produzent und Konsument. An dem Beispiel Wikipedia sieht man auch gut einen Unterschied zwischen Konkurrenz und Kooperation: Konkurrenz braucht Kooperation, aber Kooperation braucht keine Konkurrenz. Die Wikipedia war für den Brockhaus Konkurrenz, aber der Brockhaus nicht für die Wikipedia, da diese nicht gegen irgendjemanden angetreten ist.

Resultat der Märkte ist es auch, dass jemand verliert, wenn einer gewinnt. Der Exportüberschuss der Deutschen ist das Defizit der Griechen. Wenn A einen Arbeitsplatz bekommt, geht B leer aus. Diese „strukturelle Explosion“ führt zu einer „strukturellen Verantwortungslosigkeit“. Kaum jemand will andere ausgrenzen, kaum jemand will anderen Schaden, dennoch passiert es fortlaufend. Verzichten wir auf ein Produkt, weil wir wissen, dass es eventuell mit Umweltverschmutzung oder Kinderarbeit zu tun hat? Individuelle Verantwortung ist auf dem Markt praktisch unmöglich.

In den Commons hingegen werden gemeinsam Regeln erschaffen. Ausgangspunkt sind die Bedürfnisse der Beteiligten, die individuell verschieden sind. Doch trotz der unterschiedlichen Bedürfnisse sorgen die selbstbestimmt geschaffenen Regeln für Fairness. Fairness ist etwas anderes als formale Gerechtigkeit: es ist eine Vereinbarung, gegen die niemand intervenieren würde. Im Markt herrscht der formalgerechte gleichwertige Tausch, doch diese Gleichwertigkeit beruht auf Geld, nicht auf Bedürfnissen.
Das kann auch Commons zerstören: formal gerechte Nutzungsanteile können für Einzelne unfair sein. Dann brechen Nutzenmaximierungsstrategien ein, eine Abwärtsspirale beginnt und am Ende scheitert die Selbstorganisation. Manchmal wird das bewusst eingesetzt. Gemeinschaftlich genutztes Land soll aufgeteilt und formal gerecht in individuelles Eigentum umgewandelt werden. In Peru hat sich die indigene Bevölkerung dagegen gewehrt, da sie ihre Lebensweise gefährdet sah, ihre Kooperation, ihre „strukturelle Gemeinschaftlichkeit“. In den Commons werden die eigenen Bedürfnisse nur dann berücksichtigt, wenn für die Bedürfnisse der anderen ebenfalls gesorgt ist. Es ist eine „strukturelle Inklusion“. Die Ubuntu-Philosophie der Völker der Zulu und Xhosa formuliert dies so: „Ich bin, weil du bist, und ich kann nur sein, wenn du bist.“

Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Doch wir sind zum Konkurrenzdenken erzogen. Selektion bestimmt unser Leben, ob beim Arbeiten, bei Krankheiten, im Alter oder in der Schule. Der Markt kann nur funktionieren, wenn jemand ausgeschlossen wird. Auch Commons müssen ausschließen, wenn eine Ressource begrenzt ist. Die Grenzziehung basiert aber nicht auf der Beantwortung der Frage, was sich rechnet. Die Frage lautet vielmehr: wie wird das Commons so bewahrt, dass alle Beteiligten auf Dauer etwas davon haben. Im Falle nichtrivaler, nichtverbrauchender Güter wie Wissen liegt die Antwort im freien Zugriff (Open Access).
Im Gegensatz zu Märkten sind Commons daher „strukturell verantwortungsfähig“. Sie können selbstbestimmt und verantwortlich handeln – und haben damit auch die Verantwortung, dies zu tun. Während der Markt einfach trotz Protesten ein Windrad vor das Dorf stellt, kann ein Commons die Dörfer an den Einnahmen beteiligen und somit vielleicht sogar dazu bringen, dass sie selbst ein Windrad aufstellen.
Commons unterstellen Verantwortlichkeit und Rechte für alle. Jeder hat die Verantwortung, verantwortlich zu sein, auch für diejenigen, die nicht sprechen können oder wollen. Das schließt auch Bevölkerungsgruppen ein, die traditionell in Politik und Ökonomie ignoriert werden. Die gegebene Gestaltungsfreiheit bedeutet auch eine Gestaltungsnotwendigkeit.

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In diesem Sinne erscheinen mir Commons als zutiefst demokratisch. Commoning ist demokratisches Handeln: Die eigenen Interessen vertreten, aber auch die der anderen, denn nur dann kann die Gemeinschaft bestmöglich funktionieren.
Wenn die Ideologie des Marktes die Gemeingüter verdrängt hat, hat sie damit auch das demokratische Bewusstsein verdrängt? Haben wir „dank“ des Marktes die Übung im Commoning, in der demokratischen Gestaltung verloren? Ist dies der Grund für die Resignation und „Politikverdrossenheit“? Denn politikverdrossen sind bei weitem nicht so viele, wie es scheint. Sie sind vielmehr verdrossen, dass sie nicht mitgestalten können. Dass sie nie berücksichtigt werden. Für den Markt wie für den Verwaltungsstaat ist die Berücksichtigung aller (z.B. durch intensive, *zweiseitige* Gespräche bei großen Bauvorhaben *vor* dem Bau, vor und während der Bauplanung) nicht effektiv, nicht „wirtschaftlich“.
Ist der größere Bekanntheitsgrad der Commons-Idee ein Resultat der Abkehr von der Marktideologie nach den großen Chrash im Finanzwesen und der Umwelt?

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Ein Kommentar zu Beitrag 6 – Ubuntu-Philosophie

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