Transparenz und Bürgerbeteiligung – für 9-jährige Mädchen

Kennt jemand von euch den schottischen Ort Lochgilphead im Verwaltungsgebiet Argyll and Bute?
Vermutlich nicht – außer, ihr gehört zu den Lesern des am 30. April gestarteten Blogs NeverSeconds der kleinen Martha. Ein neun Jahre altes Mädchen, das über ihr Schulessen berichtete (mit einem Foto jeden Tag).

Das Blog erregte schnell internationale Aufmerksamkeit, und auch der britische-Schulessen-Star Jamie Oliver hatte etwas dazu zu sagen. Auch Schulessen aus anderen Ländern, inklusive Deutschland und dem weit entfernten Japan, wurden in Marthas Blog veröffentlicht (und Martha, die im Blog „Veg“ heißt, muss ihrem Vater immer auf dem Globus zeigen, wo das Land liegt, darum die Sekundenangaben).
Doch nicht genug damit, dass sich hier ein Mädchen sehr für ihr Essen (und den Nährwert) interessiert, sie tat auch noch was Gutes: Mit dem Honorar (50 Pfund), dass die von einer Zeitung für einen Bericht über ihr Blog erhalten hatte, startete sie führte sie eine Spendenaktion für hungrige Kinder in Afrika fort (Server der Charity down, also bitte nur klicken, wer spenden möchte). In kurzer Zeit kamen 2000 Pfund zusammen. Mittlerweile kann man wahrscheinlich eine Null dranhängen.
Warum?

Der Verwaltung von Argyll und Bute gefiel der Erfolg des Blogs nicht – beziehungsweise das, was eine Zeitung daraus machte. Diese veröffentlichte einen Bericht über den Blog mit der reißerischen Überschrift (sinngemäß) „Schmeißt die Kantinenbeschäftigen raus!“.
Nun war das absolut nicht das Ziel der kleinen Martha (die sich übrigens gerade den Arm angeknackst hat). Die Schule war immer sehr kooperativ, schrieb ihr Vater in einem Nachtrag zum Blogeintrag vom 14. Juni.
Ganz im Gegensatz zur Verwaltung, die Martha das Fotografieren ihres Essens verbat.
Tja, was soll man dazu sagen? Hierfür brauchts mindestens den doppelten Klassiker.
Der resultierende Shitstorm war (und ist vermutlich immer noch) gewaltig, weltweit angeblich Twitter-trend Nr.3. Wired hat ein paar Zahlen im Update. Zum Zeitpunkt als ich das tippe, hat der Blogeintrag (trotz benutzerunfreundlicher Eintragsmöglichkeiten) knapp 1200 Kommentare.
Mittlerweile hat die Verwaltung in einer Radiosendung das Fotografieren wieder „erlaubt“ (BBC).

Aber das ist nicht nur ein typisches Beispiel für den Streisand-Effekt, es ist auch ein Beispiel für die Probleme, die man bekommt, wenn man Transparenz herstellt. Es ist ein Beispiel dafür, wie unbeliebte Äußerungen durch Zensur totgemacht werden sollen. Und es ist ein Beispiel für die Macht des kollektiven Internets.
Es ist die Macht, die viele Menschen, auch dank des Internets, haben können, wenn sie zusammen wirken. Es ist die Macht, die von den Machthabern gefüchtet wird, egal auf welcher Ebene. Es liegt in der menschlichen Natur, dass es keiner gerne hat, in Frage gestellt zu werden.

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