Gated Communities

Die Armen haben immer in einem anderen Land gelebt als die Reichen. In jedem Zeitalter. Ganz egal, wie nahe ihre Häuser beieinander standen. – Vicki, „Bettlers Ritt“ (v. Nancy Kress)

Dieser Satz verblüfft erst einmal wegen seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit. Aber das „andere Land“ ist natürlich nicht geografisch gemeint, sondern sozial. Geografisch können „abgeschlossene Wohnanlagen“ in direkter Sichtlinie zu Slums sein, manchmal auch nur eine Straßenbreite entfernt.
So war es auch in einer Dokumentation über Rio vor kurzem zu sehen. Die bunte Favela, die sich an den steilen Berg klammert, und die eher eintönig wirkende Hochhaussiedlung einer „Gated Community“, die in Brasilien (lt. WP) condomínios exclusivos heißt, im Film immer nur kurz condomínios.

Was ist eine Gated Community?

Diese in den USA entstandene Wohnform ist leicht zu erkennen: Hohe Zäune oder Mauern, gleichförmiger Baustil, manchmal bis hinunter zur Farbe der Klappe des Briefkastens und ein privater, meist sehr sichtbarer Sicherheitsdienst (der selbst meist nicht auf dem Gelände wohnt).
Dieser Sicherheitsdienst ist oft unfreiwillig tragisch-komisch: Siedlungen mit rein kaukasisch-weißer, wohlhabender Bevölkerung mit (zumindest beim Fußvolk) durchgehendem schwarzem/Latino-Wachdienst.
Dieser Gegensatz ist geradezu Fanal, worum es bei den Gated Communities geht: Exklusivität, mit allem Negativen, was diesem Wort anhaftet. Die WP unterscheidet drei Tpyen:

Prestige-Communitys sind der bevorzugte Wohnort Wohlhabender, die gerne unter ihresgleichen leben und ihren Reichtum geschützt zur Schau tragen wollen,
Lifestyle-Communitys sind Wohnanlagen für Menschen bestimmter sozialer Schichten, die sich im gleichen Lebensabschnitt befinden. Sie können ihre ähnlich gelagerten Interessen und Freizeitaktivitäten verfolgen, hierzu zählen z. B.: Golf-Communitys, aber auch „Rentner-Communitys“ bzw. „Rentnerstädte“ mit einer speziellen Infrastruktur, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet sind, und
Safety-Zone-Communitys verfolgen die Zielsetzung, ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen, das aus einer realen oder gefühlten Bedrohung durch Kriminalität resultiert.

Eine solche GC ist also eine Art extrem große WG, in der die Bewohner nie ihre WG verlassen, außer um in andere WGs ähnlicher Bauart zu reisen. Soziale Ausgrenzung auf höchstem Niveau, die ich für äußerst bedenklich halte.

Folgen

Die Trennung der sozialen Schichten, wie sie sich vor allem in den Slums manifestiert, ist eine immense Gefahr für den sozialen Frieden – und natürlich auch für die Menschen. In Brasilien wurden die Favelas lange Jahre von Drogenbanden regiert. Das war das Ergebnis eines Rückzugs der staatlichen Macht. Die Gangs haben einfach das Machtvakuum gefüllt. Erst in letzter Zeit hat sich die Regierung in die Favelas zurückgekämpft, und das ist wörtlich gemeint. Teils tagelange Schusswechsel zwischen Banden und Militär war nötig.
Doch auch wenn die Menschen, die in den Favelas leben, glücklich sind, stellt die Trennung der Schichten doch ein großes Problem dar. Auch für die, die sich abschließen. Zitat aus dem Film: „Wir hier sind zehntausend. Die da oben [in den Favelas] sind 400.000. Niemand kann sie aufhalten, wenn sie kommen.“
Dass sie nicht kommen ist eigentlich das große Wunder und eine Tatsache, die mich immer wieder überrascht. Täglich sterben Tausende an Hunger oder verseuchtem Wasser. Was würde passieren, wenn sich plötzlich zwei Millionen hungernde Afrikaner aufmachten nach Gibraltar? Welcher Zaun kann eine solche Masse aufhalten?
In Anbetracht der Tatsache, dass der Kampf um Wasser wahrscheinlich die Kriegsursache Nr. 1 dieses Jahrhunderts sein wird, ist dies kein aus der Luft gegriffener Alptraum. Dennoch machen wir mit unserer Wirtschaftspolitik gerne mal die Landwirtschaft in Afrika kaputt.

Doch zurück zu den Favelas und den Condomínios.
Die Abschottung führt zu einer steigenden sozialen Ausgrenzung. Es findet keine Begegnung mehr zwischen den Schichten statt, mit allen daraus resultierenden Folgen: Unkenntnis, Unverständnis, Fremdenfeindlichkeit. Angst voreinander. Die Angst der „Reichen“ vor den „Armen“ und die Angst der „Armen“ vor den „Reichen“, geboren aus Resignation. Wozu das führt, haben die französischen Banlieues gezeigt, und ebenso die Randale in London vor einigen Monaten, die eben nicht durch „durchgeknallte Chaoten“ durchgeführt wurden, wie die Obrigkeit so gerne sagt, sondern durch resignierte, verarmte Menschen ohne Aussicht auf Besserung.
Es ist die selbe Resignation, mit der ein Hartz-4-Empfänger „das wird in meinem Alter sowieso nichts mehr“ sagt oder der Passant auf der Straße „Hört mir doch mit Politikern auf, die sind eh alle korrupt!“
Es ist die Resignation derer, die kein Ziel mehr vor Augen haben; denen eingetrichtert wird, dass sie nichts wert sind, wenn sie nicht arbeiten.
Das ist im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich für jede Demokratie. Und es wird ausgenutzt. Nach dem alten Motto „Teile und herrsche“ werden die Gruppen gegeneinander aufgewiegelt. Arbeitslose gegen die, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist. Gutverdiener gegen die „Sozialneider“. „Wutbürger“ gegen „das Establishment“.

Das ist eine immense Gefahr.
Und eine abgeschlossene Gemeinschaft wird diese Gefahr nicht verringern, sondern sich selbst verstärken. Ziel der Piraten muss es daher sein, bei der Stadtgestaltung so mitzuwirken, dass Begegnungsräume entstehen. Eine automatische Mischung der Schichten und Kulturen. Offenheit miteinander muss gefördert werden.
In diesem Sinne ist ein Neubauviertel, wie es beispielsweise bei Stuttgart 21 entstehen soll, nicht hinnehmbar. Das ist fast eine verordnete Gentrifizierung.
Auf der anderen Seite helfen die am Stadtrand gelegenen Einkaufszentren auch nicht. Auch diese begünstigen indirekt eine Trennung.

Gut sind hingegen Mehrgenerationeneinrichtungen – egal ob als Wohnprojekte oder Treffs, oder als Kombination von Altenheim und Kindergarten. Aber diese wirken über das Alter, und nur sehr gering über Schichten hinweg.
Tatsächlich könnte politische Partizipation alle verbinden, aber hier ist das Problem, dass die „Unterschicht“ kaum an solcher teilnimmt. Eine ungelöste Frage seit langer Zeit.

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Vor diesem Hintergrund macht mir der Erfolg der Piraten sogar ein wenig Angst. Denn unter unseren Wählern sind nicht wenige, die genau diese Resignation verspüren. Wie viele von ihnen wirklich erwarten, dass die Piraten die Zustände ändern, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es sehr schwer, vielleicht unmöglich ist, diese Erwartungen zu erfüllen. Es ist ein fulminantes Projekt, dies zu versuchen. Eine Aufgabe biblischen Ausmaßes.
Was umso mehr Grund ist, sie spätestens jetzt anzugehen.
Aber nicht nur mit den Piraten allein. Wir müssen vor allem die Menschen mit ins Boot holen, die resigniert haben. Doch die Frage ist wie? Jeder Mensch hat Potential, doch wie kann dieses abgerufen werden? Wir bieten allerhand an, aber diese Menschen müssen zum großen Teil geführt werden. Am Anfang Schritt für Schritt.
Das ist keine Abwertung. Ich weiß ziemlich gut, wovon ich rede. Ich rede von Menschen, die sich mit 50 zum alten Eisen zählen, weil der Jugendwahn sie entlassen hat. Ich rede von Müttern, die weinen, wenn wieder ein „für ihrem weiteren beruflichen Weg wünschen wir Ihnen viel Erfolg“ ins Haus flattert oder von Menschen, die ein halbes Leben hart gearbeitet haben, und dann als „Sozialschmarotzer“ diffamiert werden.
Es gleicht der Aufgabe, ein zerfallenes Haus wieder aufzubauen. Es kann wieder in neuem Glanz erstrahlen, aber dazu ist viel Arbeit nötig. Verrottetes muss hinaus, alte Fähigkeiten entstaubt werden. Neue Dinge gelernt werden. Und auch das Lernen muss gelernt werden (etwas, das in der Schule nicht vermittelt wird).

Was können die PIRATEN dafür machen, dass jeder Mensch, entsprechend seinen Wünschen und Fähigkeiten etwas zur Gemeinschaft beitragen kann?
Das BGE?
Etwas anderes?
Ich glaube, wir sind nicht nur weit weg von Antworten, sondern auch von den richtigen Fragen.

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