Sprache in der Politik und Politik in der Sprache

Am letzten Dienstag war ich in Halle zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Sprache in der Politik und Politik in der Sprache“. Eine Veranstaltung mit diesem Namen konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, auch wenn ich eigentlich etwas anderes vorhatte an diesem Tag.

Die Veranstaltung wurde organisiert vom Verband Deutscher Sprache, was der Einführungsredner auch in der ersten Viertelstunde sehr deutlich machte und auch am Ende noch einmal auf den Tisch kam. Nun, was solls, werbefinanziert mal anders.

Kurz angesprochen wurde eine Studie, in der 10 Politikerreden von bekannten deutschen Politikern, wie Miss Alternativlos, analysiert wurden. Ich würde diese Studie zu gerne mal in die Finger bekommen, aber scheinbar ist das nur gegen Geld zu haben, wenn überhaupt. Unter anderem kam aus den Reden heraus, dass einzelne politische Bürger willkommen sind, sofern sie, und das ist das Wichtige, organisiert sind. Dann hat die Politik nämlich ein ansprechbares Gegenüber. Menschen, die einfach nur ihre Nase in Sachen stecken, sind scheinbar nicht erwünscht. Passt eigentlich zum allgemeinen Eindruck, den ich so habe.

Ein weiterer angespochener Punkt war etwas, das ich in meinen Notizen einfach als „Brot und Spiele für Ruhe” abgekürzt habe. Eine nach wie vor beliebte Strategie, darin unterscheidet sie sich nicht von “teile und herrsche“.
Doch wie lange wird das noch funktionieren? Nichts ist – in einer Gesellschaft, die nicht von Hunger oder Krieg gegeißelt wird – giftiger für den sozialen Frieden als eine große Ungleichheit. Die Bankenkrise hat diese Ungleichheit, die im Anlauf der Krise ohnehin gewaltig gestiegen ist, noch deutlich verstärkt. Und es ist mehr als zweifelhaft, dass sich dies bessern wird. Aber wollen wir, nach amerikanischem Vorbild, Slums neben nahezu hermetisch abgeschotteten Reichensiedlungen? Das kann nicht das Ziel der Politik sein, darf es nicht sein!

Mitbürger mit Migrationshintergrund

Eine der Stilblüten aus den Reden. Was sind das für Leute, diese Mitbürger mit Migrationshintergrund? Es sind offensichtlich nicht dieselben Leute wie Mitbürger und auch nicht dieselben wie Bürger.
Als Bürger wurden in der betreffenden Rede Selbständige, Vermögende, Gebildete bezeichnet, auch wenn diese drei Dinge nicht unbedingt in einem Zusammenhang stehen.
Mitbürger waren diejenigen, die allgemein als Arbeitnehmer bezeichnet werden, und die damit irgendwie auf einer Stufe unter den Bürgern stehen. Es sind eben keine Bürger, sondern nur Mit-Bürger. Erinnert ein bisschen an frühere Zeiten: „Ah, die Frau Doktor!“, hieß es da, wenn die Gattin des Arztes kam. So, wie die Frau dort durch ihren Mann definiert (und damit in der Bedeutung von ihm abhängig gemacht) wurde, wird bei Mitbürger der so Angesprochene durch den eigentlichen Bürger bestimmt.
Mitbürger kann nur sagen, wer von sich selbst als Bürger redet, aber nicht, wer über Bürger spricht. Und Politiker sprechen im Allgemeinen, wenn sie von Bürgern reden, über „die da draußen“, nicht von „ich und die anderen, die gerade nicht hier sind“.

Mitbürger mit Migrationshintergrund ist nun noch eine Ebene tiefer, oder vielleicht stehen diese auch eher neben Bürgern und Mitbürgern. Es ist eine Abgrenzung innerhalb einer Abgrenzung, so wie „Jugendliche mit Alkoholhintergrund“.
Insofern ist diese, ohnehin schwer auf der Zunge liegende, Wortgruppe nicht gerade geeignet, Sympathie zu wecken. Auf keiner Seite. Wer möchte schon als „X mit Y“ bezeichnet werden? Das klingt doch immer irgendwie nach Aktenzeichen XY ungelöst. Und mal ehrlich: wer lädt Akteure dieser Sendung ohne zu zögern zum Kindergeburtstag ein?

mitnehmen und abholen

Das muss man mit dem Bürger machen. Ihn mitnehmen und abholen. Wobei mir kein einziger Fall bekannt ist, bei dem ein Politiker einen Mitbürger mit Migrationshintergrund abholen und mitnehmen wollte, weder in seiner Rede noch in seinem Auto.
Aber was heißt mitnehmen und abholen? Im Grunde ist es eine Erklärung des Unvermögens der Bürger. Jemand, den man abholen muss, schafft es offensichtlich nicht, sich selbst zu bewegen. Und mitnehmen sagt, dass der Bürger allein nichts auf die Reihe bekommt und mitgeschleift werden muss. Ein ziemlich erschreckendes Bild, das die Politiker damit von ihrem Souverän kundtun. Ob sie sich dabei wohl daran orientieren, welche Politiker die Bürger immer wählen? Nach dem Motto „wenn sie es schon nicht schaffen, jemand besseren als uns auszusuchen…”

Doch statt die Bürger mitzunehmen und abzuholen, sollte es nicht das Ziel der Politik sein, alle Menschen, nicht nur die Bürger, weitestmöglich zu befreien? Ihre Selbstermächtigung (Empowerment) voran zu bringen? (Es ist bezeichnend, dass es im Deutschen kein vernünftiges, weil ausschließlich positiv klingendes Substantiv dafür gibt, geschweige denn ein Verb.) Die Menschen anzuziehen, statt am Schlafittchen zu packen und mitzuzerren?

wertend und vorschreibend

Die ganze politische Sprache ist so, nicht nur das mitnehmen und abholen. Politische Sprache ist oft extrem wertend (nicht nur bei der Frage, ob Terrorist oder Freiheitskämpfer). Sie packt Menschen in Schubladen und bindet mal hübsche Schleifen, mal spitzen Stacheldraht drumrum. Alternativlose Entscheidungen machen jede Diskussion überflüssig, ja sogar schädlich. Gleiches passiert, wenn der Öffentlichkeit „nach langen, reiflichen Überlegungen“ ein Maggi-Fix-Packet auf den Tisch geworfen wird. Nur noch mit Wasser aufgießen und fertig ist die demokratische Entscheidung.
Argumente werden dabei oft wie Rammböcke benutzt. Verbale Gewalt statt Waffen des physischen Krieges. Wer gegen Internetspezialseiten zur Warnung vor Verfolgung von Leuten, die Kinderpornografie konsumieren, ist, wird als Kinderschänder bezeichnet, ganz egal ob und in welcher Kirche er ist. Die politische Sprache liebt, siehe vorigen Satz, Verallgemeinerungen, denn damit schafft man ein Feindbild. Zensursula ist da in vieler Hinsicht ein Beispiel. Dies ist nötig, um die eigene Position durchzusetzen und Unterstützer und vor allem Unentschlossene/Uninteressierte zu vereinen. Im Krieg sammelte man sich früher unter einer Flagge, in der Politik heißen die Flaggen Stoppschild oder Schäublone.

manipulativ

Viele dieser Wörter sind nicht nur wertend, sondern auch manipulativ. Wenn aus der Vorratsdatenspeicherung eine Mindestspeicherdauer und aus Hartz-4 ein Mindesteinkommen wird, dann ist klar, dass da schwer verdauliche Kost mit Hilfe von verbalem Honig bekömmlicher gemacht werden soll. Vielleicht schluckt es der Mitbürger mit Bauchschmerzen dann doch.

Ähnlich ist es mit Behördensprache. Bei Behörden tut nie jemand irgend etwas. Trotzdem wird alles getan. Ein Wunder der Physik.
„Es ergeht folgender Bescheid“, „wird als nicht aussichtsreich betrachtet“ und ähnliche Sätze lassen einen wundern: An welchem Schreibtisch sitzen die sich ständig ergehenden Bescheide? Wer hat da Zweifel am Erfolg?
Außerdem frage ich mich: Was hat die passive Sprache für Auswirkungen auf die Empfänger der selbsttätigen Bescheide? Wenn mir Herr X ausrechnet, dass 7 und 5 zwanzig sind, kann ich ihm einen – hoffentlich freundlich verpackten – Vogel zeigen, in der Hoffnung, dass Herr X erkennt, dass es sich tatsächlich um einen Uhu und nicht um einen Wolf handelt. Aber ob das Blatt Papier, das sich da selbst ergeht, die selbe Einsichtsfähigkeit hat, darf wohl bezweifelt werden. Wahrscheinlich geben viele schon allein deshalb auf, selbst wenn sie diesen Behörden-Dialekt verstehen. Der Bescheidempfänger erscheint doch lediglich als hilfloser Spielball des Schicksals mit dem Vornamen „Amt für“, aber nicht als Partner in einem Prozess, der eigentlich die gerechte und bestmögliche Vorgehensweise darstellen soll.

Handlungsempfehlung

Auch so ein schönes Wort. Niemand muss etwas tun, die H. kann ohne Probleme völlig ignoriert werden. Dennoch möchte ich eine abgeben.

Die Sprache auf den Ämtern muss verständlich werden. Wenn Beamtendeutsch in einem Textbaustein ist, sollte das zumindest per Fußnote automatisch erklärt werden. Es sollte dastehen, wer etwas entschieden hat, bei mehreren Leuten eben die Abteilung. Es wäre auch nett, wenn nicht der größte Teil der Mitteilung aus Drohungen bestehen würde.

Politiker sollten mal raus in die Welt, wenn sie dieser nicht entstammen. Damit sind keine Champagnerpartys von Chef-irgendwas-en gemeint. Jeder Arbeitslose soll möglichst viele Praktika machen, unsere duale Ausbildung basiert auf praktischer Erfahrung. Also: Wer Pflegeschlüssel beschließt, macht eine Woche Praktikum im Altenheim.
Danach beherrschen Politiker vielleicht auch eine Sprache, mit der nach einer Stunde reden auch etwas gesagt wurde.

Klarheit. Das wäre mal was. Mir ist ein „das find ich Scheiße“ trotz des mangelhaften Ausdrucks tausend Mal lieber als ein „das ist eine Angelegenheit, die man unvereingenommen von allen Seiten beleuchten muss, und über die man nur nach reiflicher Abwägung aller Tatsachen urteilen sollte, wobei es im ersten Augenblick als nicht optimal erscheint, diese Option zu wählen.“

Bleibt eigentlich nur noch ein Schlusswort. Das überlasse ich aus aktuellem Anlass und mit demütiger Verbeugung einem wahren Meister der klaren Sprache (und Aussprache btw.):
http://www.youtube.com/watch?v=ZR5zcXIiluI

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