Defective by Design

Nein, ich rede jetzt nicht über Computersachen. Vielmehr geht es um unsere Stromversorgung, die ein kleines Problem hat. Dieses Problem liegt nicht in der Abschaltung der Atomkraftwerke.
Apropos: erinnert ihr euch noch? Was wurde uns von der Atomlobby nicht alles so erzählt über die dramatischen, deutschlandweiten Stromausfälle, falls wir so viele Atomkraftwerke abgeschaltet lassen. Als diese ausblieben versuchte man angestrengt, die Panik dadurch zu schüren, dass die Benutzung von österreichischen Kaltreserven als Katastrophe hingestellt worde. Wie sich herausstellte, wurden die Kaltreserven nur genutzt, weil diese billiger waren als die in Deutschland bereitstehenden Kraftwerke. Zu diesem Zeitpunkt war die fossile Stromproduktion in Deutschland sogar auf dem tiefsten Stand seit Jahren!

Doch nun endlich ist es (beinahe) passiert! Oder doch nicht? Die Bundesnetzagentur hat jedenfalls einen Brief mit erheblicher Besorgnis an die größten Stromhändler verschickt. Grund für diese Besorgnis sind allerdings die Stromhändler selbst. Weil der Börsenpreis für Strom teilweise bis auf 380 € pro Megawattstunde angestiegen war (dank den französischen Elektroheizungen, die wegen des „billigen“ Atomstroms so verbreitet sind), haben diese Händler angeblich einen Trick genutzt, um die zu diesem Zeitpunkt deutlich billigere Regelleistung nutzen zu können. Diese kostet nur etwa 100 € pro Megawattstunde. Sie haben einfach Ihre Verbrauchsprognose gesenkt, so dass sie an der Börse weniger Strom kaufen mussten. Das, was sie weniger eingekauft hatten, musste dann mit der Regelenergie ausgeglichen werden. Zeitweise betrug dieser Unterschied mehrere Gigawatt, also gleich mehrere Prozent der gesamten Strommenge. Die Regelenergie ist die letzte Reserve vor dem Stromausfall. Ist sie alle, wird es schwarz, und das kostet viele, viele Millionen. Jetzt wird überlegt, wie man das verhindern kann.
Dabei ist es doch ganz einfach: Regelenergie kostet immer zehn Prozent mehr als der Strom an der Börse. Damit kann man mit der Regelenergie keine Gewinne machen, und das Stromnetz wird durch die Gier der Stromhändler nicht an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Der Defekt im Design ist damit erledigt. Hätte man auch vorher drauf kommen können, oder?

Eines zeigt dieses Beispiel aber sehr gut: dass Infrastruktur nicht den freien Kräften eines freien Marktes überlassen werden darf. Denn der Gewinnerzielungsabsicht ist die Stabilität des Stromnetzes schlichtweg egal. Und sehr gut sieht man auch, dass es für ein Ereignis wie einen Stromausfall mehrere Auslöser geben kann. Wir sollten uns hier an den Kindern orientieren, die bei einem Stromausfall immer fragen würden, warum der Strom ausgefallen ist. Und nicht die wichtigste aller Frage vergessen: Wo ist das Geld?

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