AIDS: moralisches Marktversagen

Seit 1988 ist jährlich am 1. Dezember der Welt-Aids-Tag. Er soll an die vielen Opfer dieser viralen Erkrankung erinnern, die besonders in Afrika wütet, aber auch hier in Deutschland jedes Jahr ihre Opfer fordert.

Geschätzt sind etwa 34 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, etwa 2 Millionen sterben an den Folgen der Infektion. Aber bei weitem nicht alle Infizierten erhalten Medikamente.
Dies liegt vor allem am Preis. Selbst wenn eine Dosis relativ wenig kostet – auf die Dauer ist es teuer. Und für viele afrikanisch Staaten ist es schlicht unbezahlbar, ihre Bevölkerung damit zu versorgen. Hunger und sauberes Wasser sind viel dringendere und auffälligere Probleme.

Kostenlose Medikamente?

Warum wird den Menschen nicht geholfen, indem ihnen die Medikamente bezahlt werden? Hat die Weltgemeinschaft nicht so viel Geld?
Doch hat sie, selbst in der gegenwärtigen Krise. Und es könnte noch billiger werden, wenn die Pharmaunternehmen nicht auf ihren Preisen bestehen würden. Denn die Herstellung ist deutlich billiger. Aber sie verweisen darauf, dass sie Unternehmen sind. Als solche sind sie dem Gewinn verpflichtet, nicht der Wohlfahrt der Menschheit.
Damit haben sie sogar recht.
Es dauert Jahre, manchmal Jahrzehnte, ein Medikament zu entwickeln. Entsprechend viel kostet es. Trotzdem kommt nur ein kleiner Bruchteil der Entwicklungen jemals auf den Markt, auch wenn es im Ergebnis eine große Menge ist. Das bedeutet, dass jedes Pharmaunternehmen eine Mischkalkulation ist. Sie können es sich nicht leisten, erfolgreiche Medikamente kostenlos oder zum Produktionspreis abzugeben. Sie müssen mit den Einnahmen aus einem erfolgreichen Medikament die Kosten für die Erforschung eines Dutzends oder noch mehr Fehlentwicklungen finanzieren. Bei einer lediglich kostendeckenden Abgabe würde das Unternehmen pleite gehen.

Nicht wenigstens eine Ausnahme?

Wie wäre es, wenn nur AIDS-Medikamente abgegeben würden?
Gegen diesen Vorschlag wehren sich die Pharmaunternehmen mit allen Mitteln. Herzlos? Vielleicht. Aber überlebensnotwendig. Denn wenn man einmal mit AIDS angefangen hat, warum sollte man dann andere tödliche Krankheiten ausschließen? Also alle Medikamente gegen tödliche Krankheiten zum Herstellungspreis?
Was ist mit Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer, die zwar nicht den Körper sterben lassen, aber den Geist? Etwas, das viele Menschen als noch beängstigender empfinden als den körperlichen Tod?
Die Abgabe eines Medikamentes wäre ein moralischer Dammbruch, und träte ein solcher ein, würden sich alle Pharmaunternehmen aus der Hertellung von lebensnotwendigen Medikamenten verabschieden.

Unternehmen werden nicht für moralische Ziele bezahlt

Weil Unternehmen Geld machen wollen und sollen, werden sie nur in das investieren, was ihnen Geld bringt. Für einen Pharmahersteller macht es daher viel mehr Sinn, in Potenzmittel oder Haarwuchsmittel zu investieren, als in Medikamente, die eine Krankheit heilen.
Sind von der Krankheit nur einige Wenige betroffen (z.B. „Mondscheinkinder„), oder ist der moralische Druck zur billigen Versorgung der Betroffenen aufgrund der Ausbreitung und Gefährlichkeit der Krankheit zu groß, ist der Verlust garantiert oder das Verlustrisiko zumindest viel zu groß.
Tatsächlich wurde mehr Geld in die Erforschung von Haarwuchsmitteln gesteckt, als in die Erforschung eines AIDS-Heilmittels.

Behandlung ist nicht Heilung

Aber es gibt auch noch eine andere Begründung für diesen Unterschied der Investitionen, und dieser liegt im Unterschied zwischen Behandlung und Heilung bzw. Impfung.
Falls es eine AIDS-Impfung geben sollte, wäre dieses Medikament nur einmal pro Person verkaufbar (und der moralische Druck ungeheuer groß). Ein Medikament, das AIDS nur behandelt, muss dagegen das ganze Leben gekauft werden (und das Fehlen einer oder auch mehrerer Dosen führt nicht zum Tod, der moralische Druck ist also wesentlich geringer).
Auch Potenzmittel und Haarwuchsmittel sind wiederholt verkaufbar (und haben nebenbei über den Daumen gepeilt eine Milliarde mehr potentielle Abnehmer). Die Pharmaindustrie hätte gar kein Interesse, ein Haarwuchsmittel zu verkaufen, das dauerhaft wirkt, selbst wenn es ein solches geben sollte. Das ist wie mit den Elektroautos, deren Pläne und Patente jahrelang in den Schubladen der Auto- und Ölkonzerne lagen. Das Stichwort hier ist Selbstkannibalisierung. Warum ein Produkt auf den Markt bringen, welches das Fundament des Unternehmens gefährdet? Pharmaunternehmen machen da keine Ausnahme, aufgrund der moralischen Seiten ihres Geschäftes sind sie sogar noch in einer viel schwereren Position.

moralisches Marktversagen

Das, was wir hier haben, nenne ich moralisches Marktversagen. Der finanzielle Teil des Marktgeschehens funktioniert. Aber der Markt schließt auch Menschen von der Versorgung mit einem lebenswichtigen Gut aus.
Aufgabe der Politik – und damit auch der Piratenpartei – muss es sein, eine Lösung für dieses Problem zu finden, wie immer diese auch aussehen mag. Jeder mit einer guten Idee ist herzlich dazu eingeladen, sie zu teilen.

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Ein Kommentar zu AIDS: moralisches Marktversagen

  1. Steffen sagt:

    Gerade dieses Thema ist nicht einfach zu lösen. Das ist eine spannende Frage und ich bin gespannt, wie dies ausgehen wird.

    MFG
    Steffen von Europäischer Patentanwalt

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