Warum ein Staat kein Haushalt ist

In der gegenwärtigen Staatsschuldenkrise – sorry, Bankenverlustkrise – ist oft zu hören, dass die Staaten sparen müssen. Gern wird dann der Vergleich gezogen: wenn eine Familie mehr ausgibt als sie eingibt, muss sie auch sparen, also weniger ausgeben. Schon das ist falsch. Sie kann auch mehr einnehmen (Es sei dahingestellt, was schwerer ist). Wichtig für die Familie ist, dass sie – auf Dauer(!) – mehr einnimmt als ausgibt. Auf Dauer deshalb, weil öfters größere Anschaffungen ins Haus stehen. Wer ein Auto kaufen möchte sagt auch nicht, dass er diesen Monat 10.000 Euro zu viel ausgeben würde und sich deshalb das Auto nicht leisten kann. Wenn das Auto beispielsweise befähigt eine Arbeit anzunehmen, dank der die Familie 1000 Euro im Monat mehr hat, würde jeder der Familie einen Vogel zeigen, wenn sie spart und das Auto nicht kauft. Sie hätte dann zwar für rund ein Jahr weniger Geld, danach aber deutlich mehr.

Bei Staaten ist das nicht viel anders. Nur werden da keine Autos gebaut, sondern Straßen. Das nennt sich Investition. So weit so gut, das ist relativ einfach und leuchtet auch den meisten ein. Ob sich eine Investition rentiert ist nun wieder die große Preisfrage.

Und mit dieser Frage fängt der eigentliche Unterschied zwischen einem Staat und einem Haushalt an. Denn der Haushalt kann nur zwei Dinge tun: mehr verdienen oder weniger ausgeben. Dem Staat stehen aber noch weitere Instrumente zur Verfügung. Er kann mehr von dem nehmen, was andere (seine Steuern zahlenden Bürger) verdienen oder er kann dafür sorgen, dass seine Steuerzahler mehr verdienen. Das erste nennt sich meist Steuererhöhung, das andere paradoxerweise „Geld zum Fenster herauswerfen“. Warum das zu mehr Geld führen kann, möchte ich einmal an einem Beispiel erklären.

In meinem Beispiel wird das Geld zum Fenster hinausgeworfen, indem ein Kellerfenster in einer Schule repariert wird. Der Umfang ist in der Realität natürlich etwas größer, aber ich spare mir so das Tippen einiger Nullen.
Denn dieses Fenster bedeutet, dass die beiden mit der Reparatur des Fensters beschäftigten Handwerker 20 Euro bekommen, wenn sie damit fertig sind. Die beiden sind Chef und Geselle, und der Chef freut sich so über seinen Auftrag, dass er zu seinem Gesellen sagt „Du, heute gibt es zur Feier des Tages was Besonderes zum Mittag. Nicht die ewige Bratwurst mit Brötchen, nein, heute holen wir Reis mit Entenfleisch vom Chinesen. Hier hast du zehn Euro, das reicht für zwei Portionen. Das ist meine Hälfte der Einnahmen, ich geb einen aus, aber dafür musst du das Essen holen, während ich hier noch schnell ein bisschen streiche.“
Der Geselle sagt sich „prima!“ und seinem Vorgesetzten „iss jut Chef!“ und trabt los.
Der Chinese, der eigentlich ein Thai ist, ist freundlich und nimmt auch gerne das Geld. In diesem Moment kommt sein Lieferant für Bohnensprossen. Ein Tagesvorrat an Sprossen wechselt für zehn Euro den Besitzer.
Der Sprossenlieferant ist auch ein Thai, isst aber trotzdem gerne Torte. Er hat deshalb zum Geburtstag seiner Tochter (8) am heutigen Tag eine Torte beim benachbarten Bäcker bestellt, getreu dem Motto: verschenke, was du selber gerne hast, wahrscheinlich kriegst du was ab.
Er holt die Torte beim Bäcker ab, seine Frau bruzzelt weiter im Wok. Die Bäckersfrau nimmt seinen Zehner und gibt ihn gleich an die Friseuse weiter, die hinter dem Thai in der Schlange steht. Denn bei ihr hatte die Bäckersfrau noch Schulden, sie hatte vor ihrem Friseurtermin vergessen Geld abzuheben.
Die Friseuse lacht und kauft sich von dem Zehner jeweils zwei belegte Brötchen für sich und ihre beiden Kolleginnen.
Da keine Kunden mehr da sind, beschließt die Bäckersfrau, das jetzt auch mal kurz die Azubine übernehmen kann. Sie hat nämlich gesehen, dass im Second-Hand-Geschenkeladen eine dieser total kitschigen Katzenfiguren steht, denen sie einfach nicht widerstehen kann. Sie geht schnell um die Ecke und greift zu. Der Verkäufer winkt ihr dankend mit dem 10-Euro-Schein hinterher, hat er doch selbst gestern nur einen Fünfer für die Figur ausgegeben.
Die Bäckersfrau ist nur drei Minuten weg, da kommt ein Herr zur Tür herein und äußert sich überrascht über den schnellen Verkauf. Und er hat auch noch zwei weitere dieser Figuren gefunden. Ob der Geschenkeladeninhaber sie wohl zum selben Preis… Der Ladeninhaber denkt an die Bäckersfrau, die Stammkundin bei ihm ist, und sagt ja. Er holt den 10-Euro-Schein wieder raus und übergibt ihn an den Herrn im Tausch gegen die Figur.
Der Herr geht dann weiter zur Arbeit. Er ist Schuldirektor und hat gerade den Bescheid bei der Stadt abgeholt, dass er auch wirklich die 10 Euro Fördermittel für die Fensterreparatur bekommt. Sonst hätte seine Schule es sich nicht leisten können.
Er geht zur Barkasse und seufzt. Wieder mal nur Fuffziger. Der Schuldirektor nimmt einen davon, steckt ihn in sein Portmonee und nimmt fünf Zehner heraus. Drei packt er wieder in die Schulkasse, mit den anderen beiden, darunter der, den er gerade erst bekommen hat, geht er in den Keller. Dort angekommen überprüft er die Arbeit der gerade mit dem Mittagessen fertig gewordenen Handwerker und übergibt ihnen zufrieden die beiden Zehner.
Und so gelangt der Zehner des Handwerksmeisters nach einer Stunde wieder in dessen Hände. Möglich wurde dies nur, weil endlich positiv über die Fördermittel beschieden wurde.

Was bleibt nach diesem wirtschaftlich ereignisreichen Mittagsstündchen auf der Bilanz des Staates?
Eine Ausgabe von 10 Euro Fördermittel. Dem stehen gegenüber: mit Umsatzsteuer acht Transaktionen; der Einfachheit, dem Verwaltungsaufwand und ermäßigten Sätzen geschuldet pauschal mit 15 Prozent angesetzt, also 120 Prozent, also 12 Euro. Dazu kommen noch Lohnsteuern, Gewinnsteuern und so weiter, sowie einige klitzekleine Arbeitsplatzanteile, die „gerettet“ oder „geschaffen“ wurden. Insgesamt kommen so durchaus denkbar zwanzig Euro zusammen.

Im Endeffekt heißt das, durch die Ausgabe von 10 Euro Wirtschaftsförderung hat der Staat 20 Euro ausgegeben (das Fenster hat zwanzig Euro gekostet) und 20 Euro wieder eingenommen. Zusätzlich ist das allgemeine Glück wegen Arbeit-haben, Katzenfigur-haben und anderem ein klein wenig gestiegen.
Ohne die Förderung hätte der Staat nichts eingenommen, aber zehn Euro ausgegeben (Schulgelder für etwas anderes). Der allgemeine Glückszustand der Beteiligten wäre außerdem geringer gewesen.

Das ganze Geschehen nennt sich Wirtschaftskreislauf und ist der Unterschied zwischen einem Staat und einem Familienhaushalt.
Das ist auch die Grundlage gewesen für z.B den New Deal und dne Green New Deal in den USA oder auch das deutsche „Wirtschaftswunder“, dass seine Existenz nicht unerheblich der Besatzung und der Wirtschaftsförderung verdankt.
So, und jetzt überlegt, was zum Beispiel mit den Griechen passiert, wenn der Staat urplötzlich ein Drittel weniger ausgibt. Ob er sich da von seinen Schulden „gesund sparen“ kann?

Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Warum ein Staat kein Haushalt ist

  1. Pingback: Die Sache mit den Krediten oder: Des Einen Leid ist des Anderen Freud | Gedankenwelten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.