Deutschland schafft sich ab – ein schwerer Anfang

Endlich konnte ich mich dazu überwinden, dieses Buch zu lesen. Dieses Buch, das so viel Ärger verursacht hat, soviel Kopfnicken und Widerworte wie kaum eines in der jüngeren Geschichte. Ich wollte es durchlesen und einen Kommentar dazu abgeben. Das gelingt mir aber nicht. Gleich auf den ersten beiden Seiten ist etwas, das schon etwas mehr abfordert.

Dieser blog heißt LennStars Gedankenwelten, und deshalb werde ich ein paar – beileibe nicht alle – meiner Gedanken beim Lesen dieses Buches hier wiedergeben.
Seitenabgaben beziehen sich auf die „neue Auflage“ von nach September 2010. Thilo Sarrazin = TS

S. 7/8: TS führt aus, dass ein Land dieses Land ist „… durch seine Bewohner und deren lebendige geistige sowie kulturelle Traditionen“ (+ Infrastruktur u.ä.) Und er beklagt, dass die Bevölkerung schrumpfen wird und „höchstens die Hälfte davon werden Nachfahren der 1965 in Deutschland lebenden Bevölkerung sein“.
Wieviel % der heute lebenden Bevölkerung ist Nachfahre der 1911 im heutigen Deutschland lebenden Bevölkerung? Also ohne Türken, Griechen, Italiener, Sudetendeutschen, Schlesier…?
Für mich besonders interessant ist aber die Unterscheidung, die TS hier gleich am Anfang macht: genetische und kulturelle Zugehörigkeit. Auf der einen Seite sagt er, dass die Kultur ausschlaggebend ist, gleichzeitig aber schließt er z.B. den in Deutschland aufgewachsenen, flüssig deutsch sprechenden, jungen und Händel liebenden Studenten aus, weil er schwarz ist. Nur so lässt sich die 50% Quote erklären.
Übrigens: Japaner interessieren sich mehr für Händel und Goethe, DIE Repräsentanten deutscher Kultur, als Deutsche. Und wenn man den Durchschnittsjapaner (oder anderen Ausländer) nach Deutschland fragt kommt: Oktoberfest, Dirndl, Bier (und im Falle der Japaner halt die alten Kulturbringer). Alles Sachen, die bayerisch sind. Und Bayern ist, da sind sich Bayern und Restdeutsche einig wie nur selten, das Bundesland, das am wenigsten Deutsch ist. Aber genug zum Thema „deutsche Kultur“ oder, im CDU-Sprech: „Leitkultur“.

Auf Seiten 9/10 geht es gleich weiter mit Wahrheiten aussprechen ist eigentlich unmoralisch.
Nun, Wahrheit liegt immer in den Augen des Betrachters. Wieweit die Verantwortung des Einzelnen geht, und wieviel Schuld die Gesellschaft trägt, darüber kann man streiten. Aber TS macht hier in meinen Augen eindeutig den Fehler, sein Urteil auf eine Momentaufnahme zu stützen. Wenn man einen Arbeitslosen heute ansieht wird man feststellen: Keine Bewerbung geschrieben, krank weil zu fett etc. Alles seine Schuld. Das ist die Momentaufnahme eines gescheiterten Menschen. Was für ein Gegenstück ist da der Erfolgreiche: Voller Leistungsdrang, immer am Arbeiten…!
Wer aber schon mal mehrere Jahre lang ALG-II bezogen hat weiß, dass ein solches Leben auslaugt. Hundert Bewerbungen ohne Erfolg. Ständiges Datenstriptease, vielleicht noch mit ständigen Anschuldigungen etc. Während der Erfolgreiche beständig Belohnungen und Erfolge ansammelt, die ihn bestärken und aufbauen, wird dem ALG-II Bezieher an allen Ecken und Enden (nicht zuletzt TS) klargemacht: Er ist ein Versager! Taugenichts! Faulpelz! Schmarotzer! Wen wundert es, wenn Menschen nach ein paar Jahren einfach aufgeben, weil sie keine Kraft mehr haben? Während jemand mit wenig Selbstwertgefühl durch Erfolge und Lob verdammt selbstbewusst werden kann, kann man auch das stärkste Selbstbewusstsein durch dauerhaften Beschuss zerstrümmern. (ALG-II ist mittlerweile der Hauptfaktor für Depressionen.) Und wer kein Selbstbewusstein hat, bringt nicht nur objektiv schlechtere Leistungen, er wird auch ganz gewiss nicht gut beim „sich verkaufen“ abschneiden, der wichtigsten Fähigkeit bei Bewerbungen. In anderen Kontexten wird das ja auch eingesehen: Wenn es heißt, dass überhaupt Arbeit haben erst mal wichtiger ist als die Höhe der Bezahlung. Daraus entsteht dann Leiharbeit oder die „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“, im Volksmund 1-Euro-Job, in dem der Arbeitslose dann meist sinnlose Tätigkeiten verrichten darf (bietet irgendwer mehr als „Bilder ausmalen für Kindergärten“?). Nicht gegen Bezahlung, wohlgemerkt! Er bekommt nicht einmal Lohn für seine Tätigkeit, nur eine Aufwandsentschädigung, weil er ja irgendwie seine Tätigkeit auch finanzieren muss.
Und von dem Beispiel mit dem „detaillierten Nachweis, dass man sich mit dem Betrag für Essen und Getränke […] sehr wohl gesund und abwechslungsreich ernähren kann“ will ich gar nicht erst reden. Ja, fürs Essen reichen die 3,nochwas Euro. Wenn man gut ist, sogar für eine warme Mahlzeit täglich. Gesund auch, wenn man sich mit den billigen Möhren begnügt. Aber Trinken? 2 Liter täglich zu einem Literpreis von mehr als einem Euro? (Mit gesund ist, schätze ich mal, Saft gemeint?)
Und erst die Aufregung, als TS sagte, man könne einen Pullover anziehen, um Energiekosten zu sparen! Kann er gar nicht verstehen. Ich kann wiederum nicht verstehen, wie er „eingerollt zu einem unbeweglichen Pummelchen“ als menschenwürdig betrachten kann. (Übrigens: Weil die Deutschen so gerne Wasser sparen (zu Hause, sonst nicht) sind Kanäle und Kläranlagen hemmungslos überdimensioniert, so dass immense Kosten zusätzlich entstehen, um das System am Laufen zu halten, die wiederum auf einen kleineren Verbrauch umgelegt werden. Das selbe funktioniert auch mit Heizungsanlagen: Wenn (allgemein gesprochen) TS seine Heizung auslässt und Pullover anlegt, steigen die Kosten für ALG-II Empfänger. Was würde wohl passieren, wenn ein Zehntel der Bevölkerung plötzlich kaum mehr heizt? (Übrigens ein vergleichsweise kleiner Posten auf der Lebenskostenrechnung und sowieso gedeckelt.)
Wäre ich boshaft, könnte ich vermuten: TS ist so jemand, der in einem großen Haus wohnt, die Heizung bei offenem Fenster laufen lässt und von dieser persönlichen Erfahrung her urteilt. Aber ich bin ja nicht boshaft und muss daher davon ausgehen, dass er noch nichts von Leuten gehört hat, die in ihrer Wohnung nur einen Raum heizen und auch den nur ganz gezielt.

Zum Ende dieses Beitrags noch ein kleines Zitat mit dem obigen Sachverhalt.
„Und es hat mich erschreckt, welche Flut von hasserfüllten Mails ich empfing, sobald ich ganz konkret – gesunde Ernährung vom Hartz-IV-Einkommen, Pullover gegen hohe Energiekosten – vorführte, dass Eigenverantwortung und Selbstbestimmung möglich und vor allem nötig sind. Aber es scheint, als würde die Gruppe derer, die sich aus der Verantwortung für sich selbst und für ihr eigenes Leben verabschieden möchte, immer größer.“
Ich fürchte, dieser Teil wird bestimmend für den Rest des Buches sein. Die Definition von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ist es für TS, seine Heizung auszustellen und beim Essen einzig nach der Nährwerttabelle zu gehen.
Während ich in der Lage bin, mir noch halbwegs vorzustellen, dass man dies als (perfide) Art von Eigenverantwortung ansehen könnte (auch wenn ich nicht weiß, was für einen Schlag auf den Kopf man braucht, um diese Verbindung freiwillig herzustellen) – nach Selbstbestimmung klingt das beim besten Willen nicht.

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